Starkenberger Panoramaweg: Auf historischen Pfaden

»Wenn wir Glück haben, sehen wir ein paar Gämsen«, sagt Silvia, unsere Bergwanderführerin und lugt durch dichten Fichtenwald Richtung Inntal. »Vor allem in den kühleren Monaten halten sie sich gerne in den Tälern auf«, erklärt sie. Seit heute Morgen nehmen wir den Starkenberger Panoramaweg unter die Sohlen, das neue Fernwanderhighlight im österreichischen Bundesland Tirol. Auf insgesamt 52 Kilometern bietet er seinen Gästen die komplette Vielfalt einer alpinen Region, und zwar auch für solche ohne Vorkenntnisse. In insgesamt sieben Abschnitte zwischen knapp vier und zehn Kilometer ist die gesamte Tour unterteilt. Geübte Wanderer schaffen sie in vier bis fünf Tagen.

Vom Fernpass bei Reutte zieht sich der Starkenberger Panoramaweg konstant Richtung Westen. Nördlich des Tschirgantmassivs verläuft der erste Teil des Weges, bis er hinter Imst durch das Inntal bis nach Landeck führt. »Der Starkenberger Panoramaweg eignet sich super für Familien. Oder Leute, die Genusswandern möchten«, sagt Silvia. Mit ihrer drahtigen Statur und ihrem sonnengebräunten Gesicht steckt man sie sofort in die Kategorie »leidenschaftliche Bergsteigerin«, was sie auf allen Ebenen verkörpert: Regelmäßig führt sie Gruppen wie uns über Wege rund um ihren Heimatort Imst. Mal über breite, gut zu gehende, mal über exponierte Pfade wie den 15 Kilometer langen Imster Höhenweg am Ostrand des Muttekopfmassivs. Das ganze Jahr ist Silvia in den Bergen unterwegs, viel zum Klettern oder in den kalten Monaten auf Tourenski. An der Planung des Starkenberger Panoramaweges war sie persönlich beteiligt. Die passionierte Bergsportlerin wollte eine Route entwickeln, die ohne fachkundige Begleitung eines Bergführers bedenkenlos zu absolvieren ist.

Der Fernwanderweg bietet seinen Gästen landschaftlichen Genuss ohne nennenswerte Steigungen. Dafür mit viel Panorama und jede Menge kultureller Sehenswürdigkeiten. 2018 eröffnet, ist er aktuell noch ein Geheimtipp. Immer wieder folgt sein Wegverlauf großen Namen wie der Via Claudia Augusta, dem Jakobsweg oder der Salzstraße. Sieben Seen, wie der beliebte Starkenberger See bei Imst und zahlreiche Bachläufe sorgen für Abwechslung.

Fichtennadeln federn weich unter unseren Füßen. Immer wieder öffnen sich Ausblicke auf das Inntal. Mit seinen steilen Flanken, den hoch aufragenden Schultern und der weitläufigen Talebene ist es ein typisches Trogtal, das von Gletschern in seine U-Form gebracht wurde.

GEOLOGIE DES TSCHIRGANT

Wir laufen entgegen der Fließrichtung des Inn. Rund vierzig Kilometer westlich von Innsbruck sind wir unterwegs. Und wo sich der Fluss unten durch sein breites Tal zieht, ragen in den Höhen schroffe Bergmassive auf. Über uns streckt der Tschirgant seine noch schneebedeckten Flanken in den Himmel. Mit seinen 2.370 Metern ist sein Gipfel zwar nicht der höchste in Tirol, dafür einer der am geologisch interessantesten. Von Westen betrachtet, steht er als mächtiger Gebirgsstock der Mieminger Kette zwischen dem Gurgltal im Norden und dem Oberinntal im Süden. »Der Tschirgant ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse«, sagt Silvia.

Ihre Aussage über die Fragilität des Bergmassivs rührt daher, dass sich der Tschirgant aus Wettersteinkalk und -dolomit zusammensetzt und zusätzlich Karstformationen aufweist. Eine wilde Gesteinsmischung, und durch den kompletten Bergriegel ziehen sich einige parallel verlaufende Flanken, die Richtung Osten absinken. Vor etwa dreitausend Jahren, so schätzt man, ereignete sich im Bereich der Weißen Wand, der Südwand des Tschirgant, ein gigantischer Bergsturz. Seine Ablagerungen schufen ein moränenartiges Hügelgelände bis hin zur Mündung des Ötztals. Ein Bergmassiv voller Geschichten, an dem ab dem 15. Jahrhundert auch Blei, Silber und Zink abgebaut wurden.

»Wir müssen uns beeilen, wenn wir trocken im Schloss Starkenberg ankommen wollen«, drängt Marloes, Psychologin und begeisterte Kitesurferin aus Holland. Über uns schwebt eine Cumuluswolke in der Form eines Blumenkohls. Die Orientierung fällt leicht. Das liegt nicht nur an unserer Bergwanderführerin Silvia, die hier jeden Winkel kennt, sondern auch an den Markierungen: An Abzweigungen weisen kniehohe Betonpfeiler den Weg. Wir biegen rechts ab. Der Stille des Waldes wird von einem markanten Rauschen ein Ende gesetzt. Ein paar Stufen geht es eine Metalltreppe hinauf, dann donnert unter uns der Salvenbach durch seine gleichnamige, gähnende Schlucht.

Wir zücken unsere Kameras, werfen kleine Äste hinein und beobachten sie beim Davonschippern.

SCHLOSS STARKENBERG

Auf den Holzbänken vor Schloss Starkenberg, wo der dritte Wegabschnitt endet, kommt das Herz zur Ruhe. Auch der Wind legt eine Pause ein. Einzelne Wolkenfetzen kleben wie Zuckerwatte über den Lechtaler Alpen Richtung Norden, die geologisch zu den Nördlichen Kalkalpen gehören.

Bereits seit etwa 700 Jahren erhebt sich das Schloss Starkenberg am westlichen Ortsrand von Tarrenz, dessen Gemäuer auf eine rund zweihundert Jahre alte Brautradition zurückblicken. Nach dem Betreten des An- wesens spiegelt man sich kurze Zeit später in zwei Braukesseln aus Messing, deren Architektur an zwei gigantische Zipfelmützen erinnert.

Ein Rundgang lotst in die Gewölbe und Kellerräume des Schlosses. »Die Starkenberger Brauerei ist die einzige Österreichs, die Bier komplett ohne chemische Zusätze herstellt«, erklärt Gästeführerin Andrea Stigger. Wem eine Verkostung nicht ausreicht, nimmt ein Ganzkörperbad: Im alten Gärkeller befindet sich das welterste Bierschwimmbad, dessen Wasser-Bier-Gemisch eine heilende Wirkung nachgesagt wird. Die ca. 12.500 Liter umfassenden Becken lassen sich auch für Gruppen mieten, vor allem für Junggesellenabschiede werden sie gerne gebucht. »Besonders unterhaltsam war der Besuch eines Kirchenchors, der lauthals in den Becken gesungen hat«, sagt Andrea, »und auch eine Gruppe Investment-Banker aus New York war schon hier«. Ein paar Meter weiter hängen alte Sensen und Sägen vor rustikalen Bücherschränken. Im hinteren Teil des Raumes ist ein massiver Eichentisch mit Porzellanservice gedeckt. Was an einen Drehort aus Astrid Lindgrens Kinderfilm Ronja Räubertochter erinnert, war einst das Original-Wohnzimmer der Schlossbewohner.

Trotz anschließender Bierverkostung schaffen wir es in der regulären Wanderzeit von eineinhalb Stunden nach Hochimst. An der Mittelstation der Imster Bergbahnen stehen wir vor der Untermarkter Alm. Im Jahr 2012 brannte das Original-Gebäude bis auf seine Grundmauern ab. Heute zieht der Holzbau im modernen Stil ganzjährig zahlreiche Gäste an. Wir blicken über das Tal auf den gegenüberliegenden Tschirgant. Während die nähere Umgebung von Muttekopf und seinen Trabanten beherrscht wird, fasziniert jenseits des tiefen Inntals das Gipfelmeer der Zentralalpen, mit den Ötztaler Alpen Richtung Süden. Ebenso Richtung Süden, jedoch ganz in unserer Nähe, erhebt sich mit 2.512 Metern Höhe der Venet zwischen den Lechtaler Alpen im Norden und der Samnaungruppe im Südwesten. Ambitionierte Wanderer können von der Bergstation der Imster Bergbahnen zum rund sechsstündigen Imster Höhenweg aufbrechen. Die Tour verlangt ihren Gästen einiges ab: Luftige Gratkämme auf splittrigen Schrofen bringen bei manch einem die Knie zum Schlottern und ab und an auch die Bergwacht zum Einsatz.

DIE DREI HEILIGEN FRAUEN

Wir nehmen in der Untermarkter Alm auf Holzbänken Platz. Spargel mit Kartoffeln und regionaler Weißwein füllen unsere Mägen. Wen hier oben die bleierne Bettschwere überfällt, kann sich in eines der Zimmer mit Alpenblick einquartieren oder – adrenalinfördernder – mit dem »Alpine Coaster«, der längsten Sommerrodelbahn der Alpen, rund dreieinhalb Kilometer ins Tal zurücksausen.

Am nächsten Morgen dringen Sonnenstrahlen wie gigantische Finger zwischen dicken Quellwolken hindurch. Es gilt, sie zu genießen: In den späten Abendstunden ist Neuschnee angesagt, verkündet die Wetter-App.

Ein besonderes Zwischenziel ist die kleine Pfarrkirche St. Vigil bei Obsaurs. »Ein geheimnisvoller Ort«, sagt Silvia und leint ihre kniehohe Mischlingshündin Lou vor der Eingangspforte neben einem steinernen, dahinplätschernden Brunnen an. Um 1500 wurde die Kapelle im spätgotischen Stil erbaut, seitdem werden hier drei Frauenfiguren verehrt: Die sogenannten Saligen Fräulein mit den Namen Anbett, Gwerbett und Wilbett hängen als Ölgemälde über dem Portal.

Überall im Alpenraum berichten Sagen vom Zauber und der Anmut der drei Saligen, die – Legenden zufolge – Höhlen bewohnten. Seit jeher ist die Kirche St. Vigil ein beliebtes Ziel für Pilger, und eine der spirituellsten Stätten des gesamten Jakobswegs. In jahrhundertealter Tradition haben Pilger an heiligen Orten, wie auch hier in St. Vigil, gekratzte Zeichen ihrer Anwesenheit hinterlassen. Einzelne Inschriften lassen sich bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts datieren.

IMSTER SCHEMENLAUFEN

Wir verlassen den Kapellenfriedhof durch ein quietschendes Eisentor. Rechts neben uns fließt der Inn durch sein Tal, mit den Lechtaler Alpen als imposantes Bühnenbild gleich dahinter. Wieder begleiten uns Nadelbäume und der dick bemooste Waldboden schafft eine wohlige Atmosphäre. Silvia wedelt mit einem Stück hellgrüner Flechte, das an den Bart eines Trolls erinnert. »Der Gewöhnliche Baumbart wächst nur an Orten mit besonders reiner Luft«, erklärt sie, und dass beim letzten Imster Schemenlaufen im Jahr 2016 ein komplettes Fasnachtskostüm daraus gefertigt wurde. Alle vier Jahre findet die Imster Fasnacht statt, an der ausschließlich Männer und Jungen teilnehmen dürfen. Der Imster Fasnachtsbrauch gehört zum ältesten Europas und zählt inzwischen zum immatriellen Welterbe.

Wie der Prototyp eines Playmobilbausatzes thront die Ruine Kronburg auf einem kegelförmigen Felsen zwischen den Orten Zams und Schönwies. Den Weg nach oben verwehren Waldarbeiten. Doch am Fuß des Berges, im Gasthof Kronburg, erwecken österreichische Gerichte wie Kaiserschmarrn, Kaspressknödel und Sachertorte die Lebensgeister.

Überhaupt steht der Tag im Zeichen kulinarischer Genüsse: Abends ploppen im Weingut Fluer in Tarrenz die Korken aus den Flaschen. Chardonnay, Sylvaner und Pinot Noir versiegeln die Mägen. Der Tiroler Weinbau profitiert von der globalen Klimaerwärmung, die in Tirol schneller voranschreitet als im globalen Mittel. Und als der Mond hoch oben am Himmel hängt, schweben murmelgroße Schneeflocken auf uns herab.

»Die Region verpricht Abwechslung«, sagt Bianca aus Hannover, die einen Reiseblog schreibt, und dass sie gerne noch eine Woche Urlaub dranhängen möchte. »Um den letzten Abschnitt des Starkenberger Panoramaweges bis nach Landeck zu wandern«, erklärt sie und dass sie Gämsen sehen möchte. Auf der Speisekarte eines Gasthauses in Imst habe sie schon welche entdeckt.

>> Die Reportage zum Starkenberger Panoramaweg wurde veröffentlicht im Magazin »Reisewelt Alpen«, Ausgabe 03/2019, Verlag MSV Medien Baden-Baden GmbH

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