Erlebnis Welt: Zu Fuß von München nach Tibet – Interview mit Stephan Meurisch

»Ich bin durch 13 Länder gewandert, ich hatte tausend verschiedene Jobs gemacht, um Geld zu verdienen, habe jede Menge Erfahrungen sammeln dürfen und gleichzeitig war ich froh, dass diese Reise endlich vorbei war.« Stephan Meurisch

Stephan Meurisch wanderte von München nach Tibet. 13.000 Kilometer, ohne einen Cent in der Tasche. Mit mir sprach er über seine Erlebnisse unterwegs und dass das Leben häufig anders verläuft, als man vorher denkt.

Stephan, du hast dich kurz nach deinem 31. Geburtstag auf den Weg gemacht, um von München nach Tibet zu wandern. Wie kommt man denn auf so eine Idee?

Stephan Meurisch: (Lacht) 2009 war ich in Spanien auf dem Jakobsweg unterwegs und habe gemerkt, dass ich gar nicht am Ziel ankommen will, sondern einfach immer weiterlaufen möchte. Tibet hat mich schon seit Jahren gereizt. Ich habe mich viel mit dem Buddhismus befasst und war extrem neugierig auf das Land. Vorab gab’s allerdings zwei Probleme: Zum einen hatte ich kein Geld, weil ich in meinem Job als Verkäufer nichts sparen konnte. Das zweite Problem war, dass man zu der Zeit nicht nach Tibet einreisen durfte. 2008 waren die Olympischen Spiele in Peking, da gab’s viele Proteste und einen kompletten Einreisestopp für Touristen. Innerhalb von drei Jahren, zwischen 2009 und 2012, ist die Idee gewachsen, dass ich einfach ohne Geld losziehe und zu Fuß nach Tibet aufbreche.

Wie hat dein Umfeld reagiert, als du von deinem Plan erzählt hast?

Viele haben mich für total bekloppt gehalten, allen voran meine Mutter natürlich. 2009, als ich zum Jakobsweg aufgebrochen bin, hat sie schon abgewunken und den Kopf geschüttelt, so nach dem Motto: »Was für ein Träumer «. Vier Monate, bevor ich Richtung Tibet losgelaufen bin, war sie noch mal bei mir zuhause in München. Ich stand in einem Berg Umzugskisten, habe meine Wohnung und meine Verträge aufgelöst. »Du machst das jetzt wirklich?«, fragte sie. Sie hatte es bis zum Schluss nicht geglaubt. Einfach losgehen, komplett ohne Geld, das kannte sie von mir nicht. Ich bin ein bodenständiger Mensch, hatte zu der Zeit einen Job und einen stabilen Freundeskreis. Viele haben mich für verrückt gehalten.

Hast du vorher schon mal eine Fernreise unternommen und wusstest du so ungefähr, worauf du dich einlässt?

Nein, gar nicht. Das erste Mal, dass ich mit Rucksack losgelaufen bin, war 2009 auf dem Jakobsweg, also in Europa. 13.000 Kilometer sind eine ganz schön lange Strecke.

Hast du den Verlauf deiner Tour vorher genau geplant?

Ich habe einen Rotstift in die Hand genommen und mir auf einer Weltkarte grob überlegt, wo ich langgehen möchte. Unterwegs habe ich einfach Leute gefragt, wie ich zum nächsten Ort komme. Google Maps war 2012 für Wanderer noch nicht so weit entwickelt wie heute. Ich habe mich größtenteils durchgefragt, die Einheimischen kennen sich ja am besten aus.

Hattest du Bedenken vor der Tour? Zum Beispiel, dass du überfallen wirst?

Meine Freunde haben gefragt, durch welche Länder ich wandern möchte. Sie meinten, du bist doch bekloppt, du kannst doch nicht Rumänien zu Fuß durchqueren. Da gibt’s wilde Hunde, da gibt’s Zigeuner, die rauben dich aus. Das ist gefährlich, da ist der Spaß vorbei. Da hatte ich richtig Angst.

Die sich als unberechtigt herausstellte?

Ja, ich habe von Anfang an viele nette Menschen kennengelernt. Die ersten Wochen habe ich penibel auf meine Sachen geachtet und sogar auf meinem Rucksack geschlafen. Nach zwei oder drei Wochen wurde ich viel entspannter. In Rumänien habe ich richtig schöne Erfahrungen gemacht. Ich kann mir nicht erklären, wo die vielen negativen Meinungen über das Land herkommen. In Rumänien haben mich dann die Leute vor Bulgarien gewarnt. Ich habe irgendwann nicht mehr darauf gehört und konnte eigene Erfahrungen sammeln, die positiv waren.

Du hast unterwegs Leute gefragt, ob du bei ihnen übernachten darfst. War es auf Dauer nicht ganz schön zäh, immer wieder nach einer kostenlosen Bleibe zu fragen?

Zu Beginn kostete das viel Überwindung. Ich war sehr schüchtern. Sehr früh habe ich positive Erfahrungen gemacht. Die Menschen haben mich mit offenen Armen empfangen und waren wahnsinnig interessiert an meiner Reise. Sie haben mich nicht für verrückt gehalten. Ich habe mich dann durchgefragt und wurde oft von Familien eingeladen, habe bei Leuten zu Hause gesessen und sie haben mich dann einfach weitervermittelt. So lange diese Tipps Richtung Osten lagen, habe ich sie meistens angenommen.

Du hattest eine komplette Campingausrüstung dabei, hast aber unterwegs nur zwölfmal im Zelt übernachtet.

Ja, ich hatte sogar einen Kocher. Den habe ich irgendwann zurückgeschickt, weil ich so oft eingeladen wurde und immer etwas zu Essen hatte.

Hat es dir unterwegs nichts ausgemacht, jedes Mal neu zu erklären, wer du bist und was du vorhast?

Ich war meistens eher froh, wenn ich es konnte. Ganz oft bin ich in Länder eingereist, in denen ich die Sprache nicht kannte. Ich habe dann meistens Bilder gezeigt und versucht zu erklären, was ich die letzten Tage erlebt habe. Oft habe ich abends mit den Familien zusammengesessen und mich mit Händen und Füßen verständigt. Ich wollte immer was zurückgeben und konnte es nicht. Es gab leider selten die Gelegenheit, mich mitzuteilen.

Hast du zwischendurch mal Heimweh verspürt oder wolltest die Reise abbrechen?

Oft ist jemand für einen Tag mitgekommen und hat mich begleitet. Die ersten Wochen hatte ich gar kein Heimweh. Ich hatte viele gute Gespräche mit den Menschen, mit denen ich unterwegs war. Irgendwann ging das wegen sprachlichen Barrieren nicht mehr ganz so einfach. Manchmal wollte ich mich mitteilen, wollte erzählen, was ich denke und fühle. Ganz schlimm war’s Weihnachten 2012. Ich war in Türkei, Weihnachten wird dort nicht gefeiert. Das war am schlimmsten.

Hast du mit deiner Familie geskyped?

Ich habe ein Päckchen geschickt bekommen. Der ursprüngliche Plan war ja, Tibet in zwei Jahren zu erreichen.

Dann warst du vier Jahre unterwegs. Das lag vor allem daran, da du recht lange in der Türkei als Englischlehrer gearbeitet hast, oder?

Das war nicht der einzige Grund. Ich hatte mir mal mit einem Taschenrechner ausgerechnet, jeden Tag 16 Kilometer zu gehen, dann müsste ich in zwei Jahren ankommen. Ich habe mir zwischendrin Zeit gelassen. Zwischendurch dachte ich oft, dass ich doch nicht einfach so in der Weltgeschichte herumlaufen kann. Ich dachte, Mensch, du musst doch irgendwann auch mal wieder nach Hause, was Anständiges machen. Ich musste loslassen und mich auf die Reise einlassen. Mit der Zeit wurde ich wurde immer langsamer. Die Türkei habe ich komplett durchquert, das waren über 4.000 Kilometer. Zwischendrin habe ich auch wieder viel an einem Ort gearbeitet und dann ging’s irgendwann weiter.

Wie viele Paar Schuhe hast du denn unterwegs gebraucht?

Drei Paar. Das erste hat bis Istanbul gehalten, dann waren sie aber komplett durch. Mit dem zweiten Paar bin ich durch die Türkei gewandert, ab dort wurde es mit Schuhgröße 46 sehr knapp. Ich bin dann einfach in einen Schusterladen rein und dann hat er mir ein Stück Gummimatte drangeklebt.

Bei so vielen Kilometern bilden sich häufig Blasen an den Zehen oder Fersen. Wie hast du sie behandelt?

Ich habe tatsächlich keine bekommen. Nur in den ersten paar Tagen gab’s ein paar Druckstellen.

Als du in Tibet angekommen bist, wie hat sich das angefühlt? Warst du erleichtert, es endlich geschafft zu haben?

Zu einen war ich froh, es geschafft zu haben und zum anderen hatte ich den Wunsch, dass meine Reise ewig andauert. Ich bin durch 13 Länder gewandert, ich hatte tausend verschiedene Jobs gemacht, um Geld zu verdienen, habe jede Menge Erfahrungen sammeln dürfen und gleichzeitig war ich froh, dass die Reise endlich vorbei war.

Von Tibet aus bist du zurückgetrampt. Hat das gut funktioniert?

Sehr gut. Ich bin vier Jahre lang hingelaufen, immer weiter Richtung Osten. Es war sehr langsam, für die Rückreise habe ich dann zwei Monate eingerechnet. Ich hätte nie gedacht, dass es so schnell geht. Im LKW schafft man ca. 500 Kilometer pro Tag und ich war nach drei Wochen wieder zu Hause. Es ging so schnell. Ich bin sogar fünf Tage mit demselben LKW gefahren, der Fahrer wollte nach Maastricht und hat mich in München fast vor der Haustür abgesetzt. Zuhause in München bin irgendwie in ein Loch gefallen und wollte Zeit für mich haben. Nach vier Monaten ist mir allerdings die Decke auf den Kopf gefallen und ich bin wieder losgezogen.

Aha! Wohin ging’s dann?

Ich bin nochmal den Jakobsweg gelaufen, allerdings von der Haustür aus. Ungefähr dreitausend Kilometer und acht Monate war ich dann unterwegs. Auf der Reise nach Tibet wurde ich ja sehr oft angesprochen, aber auf dem Jakobsweg spricht dich kein Mensch an. Dort hatte ich acht Monate lang Zeit für mich. Erneut loszuwandern hat sich richtig gut angefühlt, auch Zeit zu haben, um zu überlegen, wie ich weitermachen will. Zuhause wäre ich nicht glücklich geworden, einfach so in den Job zurückzukehren, war nicht möglich.

Was machst du jetzt?

Im Dezember 2016 bin ich vom Jakobsweg zurückgekommen. Seitdem bin ich selbstständig, halte Vorträge, schreibe Bücher, gebe Workshops und nehme manchmal Menschen mit auf Reisen. Unterwegs kann man mich für ein paar Tage begleiten, um zu erfahren, wie es ist, zu Fuß unterwegs zu sein. Meine Erfahrungen möchte ich gerne an andere weitergeben.

Gibt’s ein Erlebnis, das dich besonders geprägt hat oder das dir prägnant im Kopf geblieben ist, wenn du an deine Tour zurückdenkst?

In Istanbul gibt’s Brücken, die man nicht zu Fuß überqueren darf. Irgendwann stand ich vor einem Polizisten und er sagte ganz klar: »Bis hierhin und nicht weiter«. Man muss entweder mit dem Bus aus der Stadt rausfahren oder man nimmt die Fähre. Eine Überquerung zu Fuß ist verboten. Da war ich echt frustriert. Ich bin so weit gekommen, schon über zweieinhalbtausend Kilometer. Irgendwie waren Journalisten recht angetan, als ich ihnen meine Geschichte über meine Tour erzählt habe. Ich dachte, vielleicht kann ich mir das zunutze machen und habe ganz viele Mediengesellschaften in Istanbul angeschrieben. Keiner von diesen Redaktionen konnte mir weiterhelfen. Irgendwann meldete sich einer und wies mich auf einen Tunnel hin, durch den man laufen kann. Das hat tatsächlich funktioniert. Ich habe drei Wochen in Istanbul festgesessen, dann hat sich die Sache zum Guten gedreht. Dass ich doch zu Fuß weiterkam, hat mir einen wahnsinnigen Energieschub gegeben. Ich dachte, wow, was kann mich jetzt noch aufhalten?

Du hast nach deiner Tour dein Leben ein Stück weit umgekrempelt, bist viel unterwegs, hast weitere Touren geplant. Mich interessiert noch, wie dich diese Reise verändert hat. Was hast du mitgenommen?

Ich glaube, das Wichtigste für mich war, nicht auf Vorurteile zu hören. Wenn man den Fernseher einschaltet, könnte man meinen, die Welt ist ein gefährlicher Ort. Es wird oft nur das berichtet, was richtig mies läuft. Ich habe so viele positive Erfahrungen sammeln dürfen. Ich hätte die Reise nicht gemacht, wenn es nicht überall so viele richtig nette Menschen gegeben hätte. Das war das Spannende an der Reise, die vielen Begegnungen, die Geschichten dahinter.

Hast du ein weiteres Abenteuer geplant?

Ja, nächstes Jahr geht’s nach Peru. Per Schiff und dann zu Fuß weiter, was sonst. Mit Frau und Kind, wir sind dann zu dritt.

Stephan, vielen Dank und alles Gute für deine weiteren Abenteuer.


>> Das Interview erschien im Magazin Trekking, Ausgabe 01/2020, Verlag: MSV Medien Baden-Baden GmbH

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