Komm schon, Hockenhorn

Die Aussicht, die mich nach der Bezwingung des ersten steilen Anstiegs erwartet, lässt mich abrupt stehen bleiben. Zu unseren Füßen breitet sich das Gasterntal aus, umgeben von kargen Felsmassiven und den mächtigen Berggipfeln der Walliser Alpen. Wir sind auf dem Mountainbike die ersten zehn Kilometer von Kandersteg bis dahin gefahren, wo es auf schmalen Pfaden sowieso nur noch zu Fuß weitergeht. Als wir die ersten Schritte auf dem Weg zum Hockenhorn zurücklegen, fühlt es sich in der Einsamkeit an, als ob wir in einer anderen Welt und Zeit gelandet wären.

Gregor und ich sind zwischen den Schweizer Kantonen Wallis und Bern unterwegs. Anfang Juni hätten uns Ski unter den Füßen sicher nicht geschadet, denn hier oben verteidigt der Winter beharrlich sein Revier: Schneefelder hängen in einzelnen Scharten, ein rauer Wind zerrt und schiebt an dicken Wolken und an der gegenüberliegenden Talseite kleben schwere Gletscher.

Wir sind hier, um das 3.293 Meter hohe Hockenhorn in Angriff zu nehmen. Unsere Tour scheint ein gut gehütetes Geheimnis zu sein, obwohl der Startpunkt der Tour nur ca. zwei Stunden vom Parkplatz der Gondelstation in Kandersteg entfernt ist. Trotz touristischer Infrastruktur ist uns außer einem im Gras schlafenden Senner bisher noch niemand begegnet.

„Eventuell mag die Einsamkeit hier oben daran liegen, dass es arschkalt ist und wir ganz schön spät dran sind“, sagt Gregor. Er hat nicht ganz Unrecht, was sowohl die Uhrzeit, als auch die Temperatur angeht. Gegen zehn Uhr morgens sind wir aufgebrochen, späte Stunde für Bergsteiger. Das Müsli war zu gut, außerdem hatten wir Schlaf nachzuholen. Normalerweise mag ich es, in den Bergen ein geruhsames Tempo einzuschlagen, dann öffnen sich die Sinne für einen intensiveren und stärker spürbaren Kontakt mit der Natur und einem selbst. Doch als wir den Blick nach oben rechts schweifen lassen, merken wir nicht nur am tiefen Stand der Sonne, dass uns die Zeit davonläuft. Dicke Quellwolken brauen sich über unseren Köpfen zusammen. Wenigstens sind wir schon auf über 2.000 Meter Höhe, knapp über der Baumgrenze. Man hat das Gefühl, dem Himmel ganz nah zu sein, außer unseren Schritten auf knirschendem Geröll und dem hin und wieder zu vernehmenden Pfeifen einzelner Murmeltiere bewegen wir uns in einer fast schon meditativen Stille.

Kurz nachdem der kegelförmige Gipfel des Hockenhorns zum ersten Mal ins Blickfeld rückt, setzen wir unsere Füße auf den Lötschengletscher. Unsere Steigeisen bleiben im Rucksack, die Schneedecke bietet zwar guten Halt, dafür brechen wir ständig bis zum Knie ein.

Der Wanderführer prophezeit, dass man zur Überquerung des Gletschers weder Seil noch Klettergurt braucht, spaltenlos sei er. Ich vertraue darauf, obwohl die vielen Furchen und Löcher ein flaues Gefühl im Magen verursachen. „Passt schon. Das sind die Relikte des gemeinen Schneemaulwurfs“, sagt Gregor. „Er haust im Eis und ernährt sich von leichtsinnigen Touristen.“ Keine Ahnung, welche Note er damals in Biologie hatte, jedenfalls sind wir beide froh, als wir nach ca. einer Stunde das steile Stück übers Eis hinter uns gebracht haben. Mein T-Shirt klebt am Rücken, trotzdem ist es zu kalt, um die Jacke auszuziehen. Von der Kälte abgesehen hält sich das Wetter gut, ab ca. 18 Uhr ist Schneefall am Berg angesagt.

Hinter der nächsten Linksbiegung thront die steinerne Lötschenpasshütte wie ein Adlerhorst auf einem blanken Felsplateau, das Hockenhorn ist im Nebel eingehüllt, hinter den Wolken lugen Bietschhorn und Balmhorn hervor. „Jetzt bloß nicht schlappmachen, die Rösti gibt’s erst nach dem Gipfel“, höre ich mich sagen und gerate kurz darauf ins Grübeln, als der Wegweiser weitere zwei Stunden bis zum Hockenhorn ankündigt. „Keine Ahnung, warum man dauernd Berge besteigen muss“, sagt Gregor, „man könnte ja jetzt auch einfach im Restaurant im Tal sitzen und Pizza essen.“ Könnte man, wäre aber langweilig und zu einfach. Ein Käsebrot und knüppelharte Schokolade erwecken unsere Lebensgeister, weiter geht’s.

Hinter dem Plateau an der Lötschenpasshütte geht es genauso sportlich bergab, wie vorher bergauf. Gregor, kurze Hosen, Panzerwaden, bricht alle paar Meter im Schnee ein, auch meine Socken sind durchnässt. Gore Tex hin oder oder her, wenn der Schnee von oben in die Schuhe rutscht, nützt die beste Membran nichts. Wir schlurfen schweigend den Hang hinauf, Steinmänner weisen uns den Weg.

Im Gegensatz zu den Gewitterwolken will der Gipfel nicht näher rücken, und es ist schon ganz schön spät. 17 Uhr. Um 21:30 ist es dunkel, wir laufen schon seit sieben Stunden und müssen noch über den Grat.

Als wir ständig im Schnee einsacken und die Wolken zu einem bedrohlichen Gebilde am Himmel zusammenrücken, entscheiden wir uns, das Hockenhorn links liegen zu lassen und lieber Rösti essen zu gehen, anstatt einzuschneien und stundenlang im Dunkeln zurück zu stapfen. Bergsteiger Hans Kammerlander behält Recht: „Der Gipfel gehört dir erst, nachdem du wieder unten bist. Denn vorher gehörst du ihm.“

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