Wenn der Berg das letzte Wort behält: Hochtour auf den Pigne d’Arolla
Noch vor Sonnenaufgang beginnt der Aufstieg auf den Pigne d‘Arolla (3.787 m). Über den Gletscher führt der Weg durch eine Welt aus Eis, Stille und schwindendem Licht. Doch im Hochgebirge entscheidet nicht der Gipfel über den Wert einer Tour, sondern die Bereitschaft, im richtigen Moment umzudrehen.
Biep, biep, biep.« Um drei Uhr nachts klingelt der Wecker. Meine Hand findet zur Brille. Ich falle in die Kleider. Um drei Uhr morgens klingt die Schweizer Berghütte Cabane des Dix wie ein Bienenstock. Türen schlagen, Karabiner klirren. Der Geruch von Instantkaffee mischt sich mit dem von Bircher Müsli. Menschen aus halb Europa sitzen dicht gedrängt an den Holztischen. Französisch, Deutsch, Niederländisch und Finnisch verweben sich zu einem vielsprachigen Grundrauschen. Draußen liegt das Hochgebirge noch im Schlaf. Nur der Pigne d’Arolla (3.787 m), unser Tagesziel und ein beliebter Gipfel im Wallis, scheint bereits wach. Im Mondlicht zeichnen sich ihre vergletscherten Flanken als helle Konturen gegen den schwarzen Himmel ab. Mächtige Gletscher ziehen sich sternförmig talwärts, von Schnee überdeckt, durchsetzt mit dunklen Geröllinseln. Es ist eine Landschaft von archaischer Schönheit. Wer einen Gletscher sicher überqueren will, startet vor Sonnenaufgang. Solange die nächtliche Kälte den Schnee gefriert, tragen die Schneebrücken über den verdeckten Spalten das Gewicht der Bergsteiger. Mit der Sonne verlieren sie ihre Stabilität. Dann entscheidet oft der Zufall darüber, welcher Schritt trägt.
Unsere kleine Gruppe macht sich deshalb mitten in der Nacht auf den Weg. Wir sind zu viert, alle Mitte bis Ende 30, dazu Maya, eine Labradorhündin, die ihren Platz in der Seilschaft mit einer Ruhe einnimmt, als gehöre sie seit Jahren dazu. Lea, Psychologin aus Köln, ist eigens für die Tour angereist. Daniel hat uns in Freiburg eingesammelt, Carina ist eine Freundin von ihm. Keiner von uns bringt nennenswerte Hochtourenerfahrung mit, doch die Pigne d’Arolla gilt als machbarer Einstieg in die Welt der vergletscherten Gipfel. Gerade ihre Lage macht sie so besonders: umgeben von Gletschern, mit weitem Blick auf das Matterhorn, die Dent Blanche, das Zinalrothorn und das Weisshorn, die Mont Blanc-Gruppe und tief hinein ins Val d’Hérens. Außerdem ist die Pigne d’Arolla Teil der Haute Route, eine der berühmtesten hochalpinen Touren der Alpen, die das französische Chamonix mit dem Schweizer Zermatt
verbindet. Besonders im Frühjahr, wenn die Hänge noch gut eingeschneit sind und die Tage länger werden, zieht die Haute Route erfahrene Skitourengeher aus aller Welt an. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sie das erste Mal mit Ski begangen und ist bis heute die berühmteste Mehrtagesskitour der Region. Sie wird jedes Jahr von Anfang März bis weit in den Mai hinein – so es die Bedingungen erlauben – von in etwa 2.000 Skibergsteigern aufgesucht. Ein Schweizer Bergführer hat es so ausgedrückt: »Früher oder später will fast jeder Skitourengeher wenigstens einmal im Leben die Haute Route gehen.«
Schritt für Schritt
Um halb vier verschwindet das warme Licht der Hütte hinter einer Geländekante. Von nun an existiert nur noch der schmale Lichtkegel der Stirnlampen. Gespräche verstummen. Im Hochgebirge schrumpft die Welt auf den nächsten Schritt. Es geht über Geröll auf den Gletscher. Wir schnallen die Steigeisen über und seilen uns an. Mit dem ersten Dämmerlicht verändert sich die Landschaft. Wo eben noch Dunkelheit herrschte, öffnet sich ein Meer aus Eis. Der Gletscher wirkt aus der Nähe lebendig. Der Wind hat filigrane Muster in den Schnee gezeichnet, dazwischen schimmern blaue Eisflächen. Tiefe Spalten durchziehen den Gletscher wie offene Wunden. Manche sind nur als feine Senke zu erkennen, andere geben den Blick auf das tiefblaue Innere des Eises frei. Es ist eine Schönheit, die Ehrfurcht verlangt. Der Aufstieg verläuft mühelos. Das Tempo stimmt, die Sichtverhältnisse sind gut, doch die Hitzeperiode der letzten Tage hat den Schnee auf dem Gletscher aufgeweicht. Es sind über Null Grad Celcius in einer Höhe, in der sonst zu dieser Uhrzeit frostige Temperaturen herrschen. Immer höher steigen wir durch die stille Gletscherwelt.
Hinter uns färbt die aufgehende Sonne die Gipfel der Walliser Alpen in ein sanftes Orange, während
wir selbst noch im kalten Schatten unterwegs sind. Der Gipfel scheint mit jedem Höhenmeter näherzurücken.
Der Gletscher hat das Sagen
Etwa zwei Drittel der Strecke liegen bereits hinter uns, als der Berg seine Regeln in Erinnerung ruft. Mit einem Mal gibt der Schnee unter meinem linken Bein nach. Ich sacke bis zum Knie ein. Die scharfen Zacken des rechten Steigeisens bohren sich in meine Wade. Es geht alles in Sekundenbruchteilen. Erst der Ruck, dann ein stechende Schmerz. Als ich das Bein herausziehe und das Hosenbein nach oben ziehe, klafft die Haut auseinander und das darunterliegende Gewebe quillt hervor. Mir wird schwummrig. Daniel rückt mit seinem Erste-Hilfe-Set an. Wir desinfizieren die Wunde und kleben sie ab. Ich nehme
Traubenzucker zu mir. Die Wunde ist tief genug, um eine Fortsetzung der Tour auszuschließen.
»Im Gebirge gibt es Momente, in denen Ehrgeiz und Vernunft gegeneinander antreten«, schießt es mir durch den Kopf. Der Pigne d’Arolla liegt nah. Das Wetter ist stabil, der anstrengendste Teil scheint geschafft. Doch wir drehen um. Auf dem Rückweg wirkt der Gletscher plötzlich anders.
Nicht bedrohlicher, sondern ehrlicher. Die majestätische Landschaft verliert nichts von ihrer Faszination.
Doch sie erinnert daran, dass ihre Schönheit untrennbar mit Risiko verbunden ist. Jeder Schritt über das Eis beruht auf Vertrauen – in die Ausrüstung, in die Seilschaft und in die eigenen Entscheidungen. Später, zurück an der Cabane des Dix, schlafen die Gipfelrückkehrer am helllichten Tag auf Holzbänken in der Sonne. Gipfel sind keine Trophäen, sondern Möglichkeiten. Ob man sie erreicht, entscheidet nicht allein der Wille. Der Pigne d’Arolla wird auch in den nächsten Jahren noch hier stehen. Der Berg läuft nicht davon. Wer dagegen seine Grenzen rechtzeitig erkennt, bekommt die Chance, wiederzukommen.





