Her mit dem Schotter: Mit dem Gravelbike durch die Ostschweiz
»Verdammte Axt.« Wer sich beim Packen für eine Radreise nicht konzentriert, erhält die Quittung dafür vor Ort, lerne ich soeben. Wir sind in Einsiedeln in der Zentralschweiz und mein Fahrradhelm hängt zu Hause an der Garderobe. Da es sich falsch anfühlt ohne Kopfschutz loszuradeln, stoppen wir an einem Kaufhaus, aus dem ich mit meinem neuen schwarzen Skate-Helm unter dem Arm wieder herauskomme. Problem Nummer zwei: Die Bremse klemmt. Hinterrad raus, neue Bremsbeläge drauf, Schraube nachziehen und einen Altherren-Monolog über Wartung von Fahrradbremsen später – ein Passant hält an – rollt es sich wie neu.
Am Anfang ist da dieses vertraute Geräusch. Das Knirschen von Schotter unter den Reifen, wenn die asphaltierte Straße in einen Forstweg übergeht. Die Kette läuft ruhig, und irgendwo hinter uns bleibt Einsiedeln zurück.
Die Räder sind beladen. Mit dabei: Isomatte, Schlafsack, Kocher und Topf, denn wir schlafen unter freiem Himmel. »Vor uns liegen knapp 150 Kilometer bis nach Murg«, sagt Svea, eine Freundin aus Freiburg, mit der ich drei Tage unterwegs sein werde. Schon bald verändert sich der Charakter der Fahrt. Aus dem Startort wird Kulisse, aus der Straße eine Spur durch die Landschaft. Wir passieren den Sihlsee. Wie ein gigantischer Spiegel schmiegt er sich in eine sanfthügelige Landschaft, deren sattgrüne Wiesen sich kontrastreich vom azurblauen Himmel abheben. Die Sonne knallt auf uns herab als wolle sie sich beweisen. Das Thermometer stagniert bei Fahrrad-freundlichen 23 Grad. Kein Wind. Perfekt. Wir schwimmen im wohltemperierten Wasser und schlagen am Ufer des Sihlsees unser Biwak auf. Spaghetti mit Pesto garnieren die Teller. Später schwappen Wellen en miniature zwanzig Zentimeter neben unseren Isomatten gegen unseren selbst errichteten Deich. Die Sonne versinkt als gelber Ball über der Wasseroberfläche und wird von einem Netz aus Sternen abgelöst. Die Natur versprüht hier ihre magischste Aura. Für solche Momente sind wir hier.
Am nächsten Tag stehen rund 76 Kilometer Richtung Appenzell auf der Agenda. Dabei liegen zwischen dem Ausgangspunkt und dem Tagesziel immer wieder Höhenwechsel: Die Strecke windet sich zunächst bergab, bevor sie sich wieder in höhere Lagen hinaufschiebt. Der tiefste aufgezeichnete Punkt liegt bei etwa 405 Metern am Zürichsee, während die Route anschließend bis auf 1.050 Meter steigt.
Mit jedem Anstieg wird der Blick weiter. Die Beine werden schwerer, gleichzeitig verändert sich die Wahrnehmung. Ein Stück Weg, das auf der Karte wie eine Linie aussieht, bekommt eine eigene Dramaturgie: erst die Steigung, dann der Rhythmus, schließlich der Moment, in dem die Straße wieder nach unten fällt. Auf Schotter fühlt sich die Landschaft ohnehin unmittelbarer an. Man fährt nicht einfach hindurch, sondern nimmt jeden Untergrundwechsel, jede Unebenheit und jede Kurve wahr. Wir naschen Pflaumen vom Baum, finden Pilze, pausieren in einem Café mit Blick auf den Säntis. Autos sehen wir kaum. Die Strecke folgt idyllischen Wegen. Nach gut 75 Kilometern endet der Tag kurz vor Appenzell. Unser Lagerfeuer knistert auf einer offiziellen Feuertelle. Wir schlafen direkt am Flussufer unter Bäumen.

Von Appenzell nach St. Johann
Wie es so ist auf Radreisen: Teil zwei der Tour beginnt genau dort, wo der Teil eins endet. Die Oberschenkel jaulen von gestern. Erst mal Kaffee mit Milchpulver und Flusswasser. Von Appenzell geht es weiter Richtung Murg – und der Charakter der Strecke wird alpiner. Wieder sind es etwa 73 Kilometer, doch diesmal kommen fast 1.900 Höhenmeter zusammen. Die Route führt deutlich höher hinauf als am ersten Tag. Den Takt gibt die Topografie vor. »Ich brauche neue Beine«, schießt es mir durch den Kopf. »Du musst halt mehr trainieren und leichter packen«, sagt Svea, die im Gegensatz zu mir schlauerweise weder Handtuch, noch Pulli, oder eine Kamera dabeihat, dafür aber circa zwei Kilo Dreadlocks auf ihrem Kopf mit sich herumträgt.
Auf der Karte sind es nur wenige Dutzend Kilometer bis zum Ziel – auf dem Fahrrad fühlt sich die Strecke wesentlich länger an. Der Blick geht über die schroffen Felswände des Säntis und sattgrüne Täler voller Wald und Wiesen. »Klischeehafter wird’s nicht mehr, jetzt bimmeln hier noch die Kühe und die Blaskappelle legt los«, sage ich. Hinter unseren Rücken liegt die Strecke, die man gerade aus eigener Kraft hinaufgefahren ist. Wir ernten Lob von E-Bikern, die wie Mopedfahrer die Berge hochschweben.
Distanz und Höhe sind wie immer in den Bergen eng miteinander verbunden. Schäfler (1.925 m), Öhrli (2.194), Hüenerberg (2.311 m) und Säntis (2.502 m) präsentieren ihre schroffen Kalkwände zu unserer Linken. Die Schwägalp katapultiert uns zurück in die Zivilisation: Hochpreisige Fahrzeuge reihen sich hier aneinander, Menschen jeden Alters tummeln sich auf der Sonnenterrasse. Und irgendwann kommt der Moment, der solche Touren besonders macht: Man hat den höchsten Punkt erreicht. Begleitet von dem Röhren der Motorradfahrer rollen wir auf der Schwägalpstraße hinunter bis nach St. Johann, wo die Regionalbahn zurück nach Einsiedeln auf uns wartet. Füße hochlegen, Kaffee aus dem Automaten trinken. Ab dem Bahnhof Einsiedeln schließt sich der Kreis: Wir radeln noch mal zum Sihlsee, unserem ersten Übernachtungsplatz, schwimmen, essen die letzten Nüsse und Müsliriegel und kippen uns Magnesiumpulver auf die Zunge. Mein VW-Bus mit dem Namen Doctore startet beim zweiten Versuch. Alles im Fluss.










