Unter Giganten

Meine Liebe zum Villnösstal beginnt am Frühstückstisch in Sankt Peter. Kaja, eine Freundin aus der Uni-Zeit, der Fotograf David und ich löffeln Buchteln, süße Hefebrötchen mit Vanillesoße.»Wer nicht genießt, wird ungenießbar«, sagt Walther, unser Wanderführer, mit Südtiroler Zungenschlag, schlürft seinen Kaffee und lehnt sich entspannt zurück. Der Blick aus dem Fenster verheißt nichts Gutes, die Sicht ist gleich null. Nebelschwaden liegen im Tal wie Zuckerwatte. Offensichtlich will die Natur ihre Ruhe haben. Prüfend sieht Walther hinaus. Im echten Leben arbeitet er als Biologielehrer, Journalist und Filmemacher, seit 1965 setzt er sich für den Naturschutz in den Dolomiten ein. Er stammt von hier, und so haben wir nicht nur einen versierten Bergsteiger, sondern auch einen Villnösser Experten an der Seite.

Vom Eisacktal in Südtirol, Italiens nördlichster Provinz, zweigt das Villnösstal bei Klausen ab; etwa eine Autostunde braucht man vom nordwestlich liegenden Brenner hierher. Knapp 30 Kilometer weit zieht es als verträumte Alpenlandschaft nach Osten, dramatisch hingegen mutet bei freier Sicht der Talschluss an: Über sanft gewellten Almwiesen und dichten Fichtenwäldern ragen die Geislerspitzen wie zerklüftete Zähne eines gigantischen Unterkiefers in den Himmel. Zacken aus Schlerndolomit, die auf abschüssigen Sedimentschichten fußen. Der Talschluss mit den Nordwänden der Geislerspitzen »ist in seiner Formenvielfalt mit keiner anderen Region der Erde vergleichbar «, sagte Reinhold Messner im Jahr 2009, als seine Heimat in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurde.

Im Winter ein Traumziel für Skitourengeher, im Sommer ein Paradies für Wanderer und Kletterer – das Villnösstal lockt viele Reisende an. Wir sind zu Fuß unterwegs und riechen den würzigen Duft in den Wäldern, genießen die Ausblicke und kommen mit Einheimischen in Kontakt.

Walther nimmt uns mit auf eine rund sechsstündige Panoramarunde, eine Kombination aus dem recht einfachen Adolf-Munkel-Weg, der an der Nordseite der Geislergruppe entlangführt, und der durchaus konditionsfordernden Bergtour am Sobutsch (2486 m) vorbei, die bei gutem Wetter traumhafte Blicke auf die Geislerspitzen gewährt. Der Startpunkt liegt auf der Zanser Alm, zu der wir mit dem Bus fahren. Per Bus zum Wandern – das klappt hier allgemein gut, denn die Ortschaften setzen auf sanfte Mobilität. Sie gehören zu den »Alpine Pearls«, einer 2006 gegründeten Kooperation von 24 Gemeinden aus sechs Alpenstaaten, die Gästen zum Beispiel eine autofreie An- und Abreise oder ein gutes Nahverkehrsnetz bieten. Das Villnösstal ist außerdem energieautark: Strom wie Wärme bezieht es allein aus drei Wasserkraftwerken und zwei Biomasse-Heizwerken.>

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Erschienen in Magazin outdoor 05/2017, S. 60-66. Text: Katharina Baus, Fotos: David Schultheiß.

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