Wildes Deutschland

Wer Touren mit Zelt mag, muss nicht nach Skandinavien. Seit 2017 verstecken sich im Schwarzwald sechs offizielle Trekkingcamps.

Im Schwarzwald darf man seit 2017 offiziell zelten – und zwar mitten im Wald, ohne viel Schnickschnack, dafür mit viel Natur. Ein guter Fluchtort für ein Wochenende, oder: Man nimmt sich mehr Zeit und wandert von Camp zu Camp. Ich wanderte eine Etappe des Baiersbronner Seensteiges und erlebte ein Mikroabenteuer in heimischen Gefilden.

Wald, so weit das Auge reicht, dazu das Pfeifen der Vögel und die Grillen zirpen im Gras: Kaum etwas entspannt so sehr vom hektischen Arbeitsalltag wie eine Auszeit in der Natur. Im Urlaub zieht es mich auf flowige Mountainbike-Trails in die Alpen oder an die Kletterfelsen nach Südfrankreich. Je weniger Zivilisation, desto besser. Doch wenn für etwas Aufwendiges keine Zeit ist, bieten sich Ziele vor der eigenen Tür an. Den Schwarzwald habe ich als Wahl-Freiburgerin direkt vor der Haustür. »Dort gibt’s Naturzeltplätze«, schlägt mein Bekannter Lars vor und ich werde neugierig. Die Recherche im Netz ergibt, dass man auf den Trekking-Camps lauschig in den Wäldern zelten kann, und zwar komplett ohne Gartenzwerge, Satellitenschüsseln und Rollrasen. Insgesamt sechs Plätze gibt es seit Mai 2017 im Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord und im Nationalpark Schwarzwald, genauer zwischen Baden-Baden und Freudenstadt. Sie sind nur zu Fuß erreichbar. Unsere Wahl fällt auf das Gutellbach-Camp, rund sechs Kilometer westlich von Baiersbronn. Rund um Baiersbronn verteilen sich etliche spannende Touren, unter anderem solch spannende Fernwanderwege wie der 91 Kilometer lange Baiersbronner Seensteig. Seen befinden sich,
wie der Name des Steiges verlauten lässt, einige entlang des Fernwanderweges, auf dem man auf insgesamt fünf Etappen die gesamte Gemarkung Baiersbronns umwandern kann. Mitten im Naturschutzgebiet »Wilder See – Hornisgrinde« passiert man auf der dritten Etappe einen der schönsten, den Wildsee im Nordschwarzwald. Er liegt auf 910 Metern, östlich des Nordschwarzwälder Hauptkammes in einem bis 120 Meter tiefen, würmeiszeitlichen Kar mit mehreren Moränenwällen. Die Eismassen formten seine Mulde. Keine Seltenheit im Schwarzwald, wo die größte Kardichte Mitteleuropas herrscht.

Ebenso vielversprechend klingt die Beschreibung der zweiten Etappe in meinem Wanderführer. Es rufen lichte Höhen und dichte Wälder. Fichten spenden wohltuenden Schatten. Sanft federt der Boden unter den Füßen, nebenan plätschert ein Bach leise vor sich hin. »Es würde einen in diesem Szenario nicht wundern, wenn auf einmal ein bärtiger Troll um die Ecke böge«, sagt Lars. Wenige Kilometer weiter, auf dem Westweg, glitzert in der Ferne die Wasseroberfläche des Rheins und im Süden ragt die prominente Alpenkulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau in den azurblauen Himmel. Nach ca. vier Stunden gelangen wir zum Schliffkopfhotel, wo uns der Bus ins Örtchen Mitteltal befördert.

Der Weg zum Trekkingcamp ist weich. Fichtennadeln federn unter den Füßen, zwischen den Bäumen befinden sich drei Felder mit Rindenmulch. Nachdem unser Camp nach dem Bach »Guter Ellbach« benannt wurde, freuen wir uns darüber, dass er wenige Meter am Zelt vorbeifließt. Somit ist auch die Trinkwasserversorgung gesichert. Abends gesellen sich weitere Gäste zu uns – gut, dass wir angemeldet sind. Es sieht so aus, als sehnen sich einige nach der Erholung in der Natur, dabei trotzdem mit Annehmlichkeiten, wie einer Feuerstelle und einem Toilettenhäuschen. Die Rucksäcke fallen von den Schultern: Hier bleiben wir und machen es uns bequem, mit Faltstuhl und selbstaufblasbarer Isomatte.

Langsam stehen auch die inneren Uhren auf Ankommen: Schuhe aus, Brot auf den Teller und den Duft der Wildnis einatmen. Die Nachbarskinder kommen zu Besuch und spielen mit Kieseln am Bach. Vogelgezwitscher vereint sich mit dem Zirpen der Grillen zum Soundtrack fürs Urlaubsgefühl. Mir steht der Sinn nach Nichtstun und nach Kaffee, und zwar nach richtig gutem. Jetzt schlägt die Stunde der Kaffeekanne, die sonst aus Platzgründen oft zu Hause bleibt. Ab damit auf den Spirituskocher. Ich inhaliere den süßen Duft. »Ganz schön luxuriös«, scherzt mein Begleiter und schnappt mir danach den Logenplatz im Faltstuhl vor der Nase weg. Wir essen Brote, lesen Bücher und bereiten irgendwann unser Abendessen zu. Nudeln mit Gemüse, das geht bei mir immer, vor allem nach langen Wanderungen, wenn die Glykogenspeicher aufgebraucht sind. Eine Feuerstelle schmiegt sich in eine kleine Lichtung. »Purer Luxus«, denke ich, denn sogar das Holz liegt gespalten im Gatter bereit. Unsere Nachbarn stoßen zu uns, sie machen Obstsalat zum Nachtisch. Und als weiteres Highlight des Tages unterhält uns wenige Stunden später der klare Himmel mit Sternschnuppen-TV.

Am nächsten Morgen, ich bereite gerade den zweiten Kaffee zu, begrüßt mich Rainer Leder. Er betitelt sich als »Kümmerer des Trekkingcamps« und fragt nach, ob wir zufrieden sind. »Normalerweise bin ich immer mit meinem Colly Lucy unterwegs, aber manchmal ist er träge und bleibt lieber Zuhause«, sagt er. Der gebürtige Buhlbacher hat bereits vier der sechs Camps im mittleren und nördlichen Schwarzwald erwandert. »Ich habe als Platzbetreuer hier schon viele Familien und Großeltern angetroffen, die ihren in der Stadt aufgewachsenen Enkeln die Natur näher bringen wollten«, sagt er. Ich schaue in den Himmel und checke das Wetter. Breite Sonnenstrahlen dringen durch den Wald zu uns durch. Rechts neben unserem Zelt, etwa eine Körperlänge entfernt, stehen Trapperstühle. Unsere Nachbarin, eine drahtige Mittvierzigerin, spaltet Holz. »Fantastisch, diese Trekkingcamps«, denke ich und dass sie Gästen Komfort und Natur in Kombination bieten. Die Sonne heizt unser Zelt auf, auf den Wiesen verschwindet der Tau des Morgens. Weil wir gestern, fasziniert von den Sternschnuppen und dem Lagerfeuer, erst spät in die Schlafsäcke gefunden haben, genießen wir mit frischem Kaffee und Müsli mit Obst den beginnenden Tag. Verbummeln den Vormittag und setzten eine weitere Übernachtung im Trekking-Camp auf unsere Wunschliste für den Herbst.

NATURPARK SCHWARZWALD
Der Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord umfasst zusammen mit dem im Süden angrenzenden Naturpark Südschwarzwald das Mittelgebirge Schwarzwald. Mit 3.750 km² Fläche ist er der drittgrößte Naturpark in Deutschland. Zum Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord zählen Teile der Landkreise Calw, Freudenstadt, Karlsruhe, Rastatt, Rottweil, des Enzkreises und des Ortenaukreises sowie der Stadtkreise Baden-Baden und Pforzheim mit 105 Gemeinden, in denen rund 700.000 Menschen leben. Der Nationalpark Schwarzwald liegt innerhalb des Naturparks.

>> Der Beitrag erschein im Magazin Camping & Reise, Ausgabe 2/2019. Verlag: MSV Medien Baden-Baden GmbH.

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