Ein einziges Kino – Seattle und der Mount Rainier Nationalpark

Internetgiganten und junge Start-Ups zieht es nach Seattle, die Stadt wächst wie kaum eine andere in den USA. Und kaum eine Autostunde entfernt von der »Emerald City«, wie Seattle wegen seiner smaragdgrünen Seen und Stadtwälder gern genannt wird, wandert man im Mount Rainier Nationalpark auf stillen Wegen.

Schauen wir mal, was heute Mittag auf Ihrem Teller landet!« Ich weiß nicht so recht, wie ich diesen Satz von der Rezeptionistin in meinem Hotel verstehen soll. Klingt das aufmunternd? Bedrohlich? Nach einem Tag Heilfasten? Die Dame aus Bellevue, einer Stadt wenige Kilometer östlich von Seattle, präsentiert mir folgende Idee: Ich möge jetzt bitte nicht auf die Speisekarte schauen und mein Wunschmenü für den Tag ankreuzen, sondern schnurstracks in die Linie 550 steigen und meinen Magen auf einem der am stärksten frequentierten Orte Seattles auffüllen: dem Pike Place Market. »Hervorragend«, schießt es mir durch den Kopf, und dass ich den gigantischen Markt voller Lebensmittel und Schnickschnack aus aller Welt schon besichtigen möchte, seitdem Tom Hanks und Meg Ryan in »Schlaflos in Seattle« dort versuchten, die wahre Liebe zu finden.

SEATTLES PROMINENZEN

Seattle, die hippe Metropole im Nordwesten der USA, zwischen Puget Sound und dem gletscherbedeckten Kaskadengebirge gelegen, gilt als eine der lebenswertesten Städte des Landes. Mit Seattle, der »Emerald City«, wie sie wegen ihrer smaragdgrünen Seen und Stadtwälder gern genannt wird, beherbergt Washington State eine Großstadt mit über 740.000 Einwohnern. Landschaftlich beeindruckend wird’s im Umland, denn gleich drei Nationalparks gibt’s in unmittelbarer Nähe zu bestaunen: Mount Rainier und Olympic sowie North Cascades an der Grenze zu Kanada. Gerade bei deutschen Urlaubern gehören die Nationalparks zu den beliebtesten Zielen der Region Pacific Northwest. Eine Urlauberin davon bin ich, zumindest steht der Besuch des Mount Rainier Nationalparks mit seinem gleichnamigen Aushängeschild, dem knapp 4.000 Meter hohen Mount Rainier, auf der Liste der Orte, die ich in den nächsten Tagen besuchen möchte. Neben seinem bekannten Bergriesen beherbergt Seattle weitere Prominenzen: Die Stadt am Pazifik ist Heimat von Musiklegenden wie Jimi Hendrix und Kurt Cobain, von Starbucks und Amazon, Microsoft und Boeing – und von Eddie Bauer, einem traditionsreichen Unternehmen für Outdoor-Bekleidung, das 2020 seinen 100. Geburtstag feiert. Dass die besten Erfindungen oft aus der Not heraus geboren werden, stellte der gleichnamige Firmengründer unter Beweis: Nachdem Eddie Bauer bei einem Eisregen in seiner durchnässten Wolljacke fast erfror, erfand er 1936 die Daunenjacke mit dem Namen Skyliner. Einige Expeditionen wurden in den darauf folgenden Jahren von dem Unternehmen ausgestattet, darunter die US-amerikanischen Erstbesteiger des Mount Everest 1963. Mit Johannes Ruf, International Merchandising Director bei Eddie Bauer, werde ich morgen zum Wandern in den Mount Rainier Nationalpark aufbrechen.

PIKE PLACE MARKET

»Es ist verrückt«, denke ich zwischen den überladenen Ständen auf dem Pike Place Market. »Gestern saß ich noch in einer metallenen Röhre etwa 10.000 Meter über dem Boden, überflog zehn Zeitzonen und war ab Frankfurt knapp elf Stunden unterwegs. Jetzt schiebe ich mich in einer maritimen Stadt mit Möwengeschrei und Segelbooten durch Gänge voller Fisch, Obst und Gemüse.« Seit über 100 Jahren ist der Pike Place Market eine feste Institution in Seattle. Frisch gebrautes Bier hier, rote Kartoffeln da. Hölzerne Kettenanhänger liegen neben gestapelten Honiggläsern. Und natürlich gibt’s fangfrischen Fisch, schließlich liegt Seattle am Pazifik. Auf Eis lagern Hummer, Austern, Lachs und Krabben, die zu Crab Cakes verarbeitet werden. Von einer Traube Schaulustiger umzingelt, da extrem Instagram-tauglich, ist ein Fischstand, an dem Lachse durch die Luft geworfen werden. Außerdem wurde hier einst der Film »Fish!« gedreht. A propos Fisch: Mich zieht es nach draußen an die Sonne, und zu Fish & Chips. »Have a fabulous day my dear« – einen wunderschönen Tag, meine Liebe – zu der Freundlichkeit des Kochs bekomme ich einen riesigen Löffel Remoulade serviert. Macht satt bis Weihnachten.

STREIFZUG DURCH SEATTLE

Nach so viel Essen sollte man sich bewegen. Radfahren ist in den Metropolen der USA eher unüblich, in Seattle nicht. Es gibt viele Fahrradfahrer und -wege. Auf über tausend Kilometern kann man in die Pedale treten. Oder man schnappt sich einen Elektroscooter. Per App sucht man sich einen freien Roller, entriegelt ihn – und los geht’s. Ich entscheide mich für Variante Nr. 1 und rolle vorbei an breiten Straßen und zig Starbucks-Cafés, wo Leute im WLAN surfen und auf ihr Gebräu der Kult-Bohne warten.

Die Hafenpromenade in Downtown leitet mich zum Seattle Great Wheel. Mit einer Gesamthöhe von 53 Metern ist es eines der größten Riesenräder der USA. Von oben offenbaren sich Ausblicke über Seattle selbst, den Mount Rainier – den man auch im Anflug auf Seattle sieht – und in der anderen Richtung über die Elliot Bay mit der vorgelagerten Bainbridge Island. Automatisch stelle ich mir vor, auf welche der Inseln ich mich denn zurückziehen würde, sollte ich irgendwann mal eine reiche Rentnerin sein. Touristen mit Zuckerwattestangen, so groß wie Kopfkissen, drehen in den schwarz-weißen Kabinen ihre Runden und knipsen Fotos in alle Richtungen. Ganz in der Nähe des Great Wheels erhebt sich das Wahrzeichen und populärste Fotomotiv der Stadt: die Space Needle, ein Ufo-ähnlicher Aussichtsturm. Der Aufzug katapultiert seine Gäste innerhalb von 41 Sekunden auf eine Höhe von 184 Metern. Für die Benommenheit nach der Auffahrt entschädigen 360°-Aussichten auf Seattle und, na klar: den Mount Rainier. Im dazugehörigen Drehrestaurant wird Hummer mit grünem Spargel gespeist.


Wieder an der frischen Luft lasse ich das Fahrrad vorerst stehen. Das Museum of Pop Culture, das Wissenschaftsmuseum Pacific Science Center und der Chihuly Garden erheben sich rund um den Turm. Der Garten ist das Lebenswerk des Glaskünstlers Dave Patrick Chihuly und so bunt wie seine Besucher. Kurios und einen Besuch wert ist Seattle auch unter der Erde: Ein Teil der Stadt wurde einfach auf ein existierendes Stadtviertel draufgesetzt, so dass man unter der Erde volle drei Straßenblocks ablaufen kann – inklusive Saloon und Einkaufsmeile. An allen Ecken wartet die Stadt mit bunten Nischen, Künstlertreffs, Galerien, Museen, Restaurants und Bars auf. Pioneer Square ist ein Eldorado für Kunstfreunde, West Seattle lockt mit seinen Stränden, Queen Anne mit hübschen Boutiquen, Belltown mit Clubs und einem lebendigen Nachtleben. Georgetown sei »yuppie-schick«, Colombia City multikulturell und Fremont abgedreht bunt, erfahre ich. Und dann gibt’s noch Ballard mit einem Mix aus allem. Nach der Gründung 1853 siedelten sich skandinavische Immigranten an der Salmon Bay an.

Auch die geografische Nähe zu San Francisco und zum Silicon Valley macht Seattle für wohlhabende Entrepreneure spannend. Seattle ist nicht nur lässig, sondern vor allem liberal: Themen wie Klimaschutz, Bildung und Krankenversicherung sind den Einwohnern wichtig. Im Jahr 2012 erhielten gleichgeschlechtliche Ehen legalen Status, Marihuana wurde im gleichen Jahr für den Eigenbedarf und zur medizinischen Therapie freigegeben.

MOUNT RAINIER NATIONALPARK

Am nächsten Morgen scheucht mich mein Wecker zeitig aus den Federn. Johannes Ruf ist mit Wanderkleidung und jeder Menge guter Laune bewaffnet. Ich folge ihm zum Hotelparkplatz, von wo aus wir zum Mount Rainier Nationalpark, etwa hundert Kilometer südöstlich von Seattle, aufbrechen. Vorher noch kurz zu Starbucks, unseren Guide Seth Waterfall einsammeln. Der Mount Rainier Nationalpark wurde 1899 deklariert, doch erst im August 1916 hat man den Nationalparkservice gegründet, dessen Ranger die mittlerweile 59 Parks und Hunderte historische Stätten in den ganzen USA betreuen.

Etwa 950 km² misst das gesamte Areal. Mit Höhenlagen von 560 bis knapp 4.300 Metern existiert eine Bandbreite an Wanderungen, für Familien mit Kinderwagen bis zu Bergsteigern, die sich den vergletscherten Gipfel vornehmen. Mit einer Fläche von über 90 Quadratkilometern bilden die Gletscher das größte zusammenhängende Gletschergebiet eines einzelnen Berges der USA außerhalb Alaskas. Bis zu 28 Meter Schnee bringen die jährlichen Niederschläge. Sie speisen die Gletscher, so dass sie heute als stabil gelten. Eine beliebte, mit einer Stunde Gehzeit sehr kurze Tour, der Grove of the Patriarch Trail, begeistert mit Riesenlebensbäumen. Mit Wuchshöhen bis zu 70 Metern und Stammdurchmessern von knapp sechs Metern fallen sie eindeutig in die Kategorie »bemerkenswerte Baumriesen«. Und wer knapp zwei Wochen unterwegs sein möchte, nimmt den Wonderland Trail unter die Sohlen und umrundet den Mount Rainier auf knapp 150 Kilometern. Einprägsam zierte der Vulkan bereits zig Postkarten in den Souvenirshops von Seattle. Nach drei Stunden Fußmarsch sehe ich ihn live. Wie ein gigantischer Zuckerhut erhebt er sich weiß verschneit und vergletschert aus seinem steppenartigen Umland.


Klare Bergluft steigt mir in die Nase, meine Haut kribbelt von Schweiß und Sonne. »Der Vulkan sendet Signalfarben der Sehnsucht. Das Blütenweiß seiner steil abfallenden Flanken, darüber das Azurblau des Himmels, umringt von einem Grün, das uns mit allen Sorgen versöhnt«, schwärmt eine Wanderin gehobenen Alters mit Blumen im Haar.
Unser schmaler Pfad zieht sich geradlinig wie eine Schnur durchs Gras, es duftet nach Wildblumen. In mir macht sich eine fast schon meditative Stille breit. Wir wandern durch Urwälder, in denen noch nie ein Holzfäller war und die neben Kolibris auch Steinadler ihr Zuhause nennen. Irgendwann klebt Tierkot an meiner Sohle. »Es könnte alles sein«, sagt Johannes. »Schwarzbär, Puma, Wapiti, Maultierhirsch, Kojote …« Wer seltene Säugetiere mag, weiß das zu schätzen. Ich bin aktuell mit der Ausscheidung an meinem Schuh zufriedener als mit einem Treffen von Angesicht zu Angesicht. Ich staune über die Unordnung in den Wäldern, wo gestürzte Riesenbäume einfach liegenbleiben, über die Symbiose der Pflanzen an den Seen, wo Felsen, Schilf und Büsche die ausgefransten Ufer säumen und genieße die bunten Farbtupfer auf den Wiesen. Was für ein Schauspiel beim Abstieg Richtung Parkplatz am frühen Abend: Der Himmel glüht in allen erdenklichen Farben und taucht den Mount Rainier in ein sanftes Rosa. Die Wälder am Horizont sehen aus, als gingen sie jeden Moment in Flammen auf. Vor mir liegt ein Stück Natureinsamkeit mit dicht bewachsenen Hügeln, Gletschern und kristallklaren Seen. Beeindruckende Wasserfälle donnern Dutzende Meter hohe Felswände hinab. In der Dämmerung wirken die Gebirgszüge wie Schattenrisse. »Kurt Cobain, Bill Gates, Tom Hanks hin oder her – die Natur ist für mich der wahre Star«, sagt Seth. Ich würde ihm gern widersprechen. Aber mir fällt nichts ein. Er hat einfach recht. Seattle, mit Space Needle und Einkaufsmeilen scheint meilenweit entfernt.

>> Der Beitrag erschien im Magazin Trekking, Ausgabe 01/2020. Verlag: MSV Medien Baden-Baden GmbH.

 

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