Ins Herz der Dolomiten

Nur wenige Berge schinden so viel Eindruck wie die zerklüftete Felslandschaften der Dolomiten. Rechts und links der Wege erheben sich monumentale Türme, bereits seit 2009 zählt die einzigartige Landschaft zum UNESCO-Welterbe. Die Felsformationen sind die Überreste von Atollen, die vor Jahrmillionen aus dem Meer ragten. Auf ca. 20 Kilometern erstreckt sich das Val di Fassa im nordöstlichen Trentino, an den Grenzen zu den Provinzen Bozen in Südtirol und Belluno in Venetien. Im Westen befindet sich der sagenumwobene Naturpark Schlern-Rosengarten, im Osten streckt die Marmolada-Gruppe ihr Haupt in den Himmel, umringt von der Langkofel- und der Sellagruppe im Norden.

RUND UM DIE LANGKOFELGRUPPE
Länge 23 km, Dauer: 8 Std., 650 Hm bergauf, 1.000 Hm bergab

Schartig und massig erhebt sich die Langkofelgruppe aus ihrem Umland wie ein angeknabberter Koloss. Sie liefert zig Bildmotive für ambitionierte Fotografen und ein breites Wanderwegenetz für alle, die sich neben satten Panoramen nach anspruchsvollen Touren sehnen. Das Bergmassiv in den westlichen Dolomiten trennt die Langkofelgruppe das Grödnertal im Norden vom Trentiner Fassatal im Süden, und die Sellagruppe im Osten von der Rosengartengruppe im Westen. Eine etwa achtstündige Tour führt rund um das gesamte Langkofelmassiv, ca. 650 Höhenmeter im Aufstieg und rund 1.000 Höhenmeter im Abstieg werden unter die Sohlen genommen – das erste Stück lässt sich mit einer Gondelfahrt abkürzen. Die Tour beginnt im Ort St. Christina (1.330 m) in inneren Grödnertal an der Talstation des Monte-de-Seura Doppelsessellifts. Wer in der Gondel auf den Monte de Seura (2.117 m) schwebt, genießt Aussichten auf den Confinboden am Nordwestfuß des Langkofelstocks. Der Confinboden ist eine alpine Berühmtheit am Rand der Seiser Alm, inklusive imposanter Blicke auf die zerklüfteten, monumentalen Felsriesen aus Dolomit. Die Tour beginnt auf Weg Nr. 526B und führt, auf nahezu gleichbleibender Höhe, auf den Piz Ciaulonch (2.124 m). Der Weg knickt scharf nach links ab. Man wandert unterhalb der Langkofel-Ostwand über weitläufige Wiesen Richtung Süden sanft aufwärts zur »Steinernen Stadt«, einem Gebiet mit über hundert, teilshausgroßen Felsblöcken – dem Ergebnis eines gewaltigen Felssturzes am Fuße des Langkofels. Über Wiesen geht es zum Sellajochhaus (Einkehrtipp!), einem beliebten Ausgangspunkt für Gipfel- und Klettertouren aller Schwierigkeitsgrade in der Langkofel- und Sellagruppe. Beliebt sind die Sellatürme auch unter Kletterern. Gemeinsam ist ihnen eine reiche Auswahl an abenteuerlichen, teils spärlich abgesicherten alpinen Kletterrouten bei angenehm kurzen Zustiegen: Die meisten Einstiege in die Felswände sind vom Parkplatz am Sellajoch kaum eine Viertelstunde entfernt. Etwas mehr als einen Steinwurf entfernt befindet sich die Friedrich-August-Hütte, eine bewirtete Schutzhütte inmitten einer kargen hochalpinen Szenerie. Neben den Aussichten auf die schroffen Felsmassive von Lang- und Plattkofel, die Rosszähne, die Sellagruppe, Pordoi und viele weitere Gipfel des Fassa- und des Fleimstals sind die Gerichte auf der Speisekarte ein Genuss: Das Fleisch stammt aus der eigenen Biozucht, im Winter wird der Holzofen für Pizzen angeheizt. An Grashängen entlang führt der gleichnamige Friedrich-August-Weg westwärts zum Rifugio Sandro Pertini (2.300 m) und weiter, im Auf und Ab, über eine Schulter hinweg, zur Plattkofelhütte am Fassajoch (2.300 m). Schlutzkrapfen, Zirmknödel mit Lammragout, gegrillter Ziegenkäse, Apfelstrudel – die hausgemachten Gerichte schinden Eindruck. Weg Nr. 527 führt Richtung Norden an der Ostseite des Plattkofels vorbei durch eine Blockzone zur Grasschulter des Piz da Uridl (2.101 m). Auf dem Grödener Höhenweg gelangt man an der Nordseite des Plattkofel durch das Langkofelkar hinunter zum Confinboden, bis sich Weg Nr. 30 hinab nach Monte Pana (1.636 m) schlängelt.

ÜBER DAS RIFUGIO CONTRIN ZUM SAN PELLEGRINO PASS
Länge: 15,9 km, Dauer: 7,5 Std., 1.240 Hm bergauf, 830 Hm bergab

Vom Ort Alba (1.517 m), ca. drei Kilometer südlich von Canazei, steigt man in etwa zwei Stunden bis zum Rifugio Contrin (2.016 m) auf. Das Rifugio befindet sich am Fuß der Marmolada, dem höchsten Bergmassiv der Dolomiten. Genau genommen ist der Dreitausender ein Gratrücken, mit der Punta Penia als höchstem Punkt (3.343 m). Von der Hüttenterrasse eröffnen sich außerdem Blicke auf die nördlich gelegene Langkofelgruppe. Im Rifugio Contrin versammelt sich die volle Bandbreite an Bergliebhabern: Genusswanderer auf der Jagd nach gutem Kuchen neben ambitionierten Alpinisten, drahtige Kletterer neben Klettersteiggehern, die mit den »Vie Ferrate« Überbleibsel aus einer blutigen Zeit vorfinden: Die Marmolada war im Ersten Weltkrieg Frontgebiet. Egal, wo man in der Nähe der früheren Grenze von Österreich-Ungarn und Italien unterwegs ist: Immer stößt man irgendwo auf Relikte des Ersten Weltkrieges. Neben seinen imposanten Aussichten überzeugt das Rifugio Contrin mit seiner Küche: Freunde von Kuchen
und deftigen Gerichten freuen sich über die hauseigenen Spezialitäten, doch man sollte sich den Magen
nicht zu voll schlagen: Der restliche Weg ist noch lang. Im weiteren Verlauf geht es immer Richtung Süden, zunächst stetig bergauf bis zum höchsten Punkt auf 2.688 Meter, dem Pas de le Cirèle, bis Serpentinen ins Tal hinabführen. Eine ehemalige Militärstraße durchquert die Ebene »Busc de la Tascia«. Es dauert nicht mehr lange, bis man die Fuciade Hütte erreicht (1.972 m), von wo aus man über eine Kiesstraße ins liebliche, gleichnamige Fuciade-Tal gelangt. Über einem Waldweg erreicht man den Endpunkt der Tour, das Hotel Miralago am Lago di Pozze.

BINDELWEG
Länge: 8 km, Dauer: 3,5 Std., 560 Hm bergauf, 560 Hm bergab

Der Bindelweg ist ein alpiner Wanderklassiker und gehört zu einem der schönsten, aber auch am stärksten frequentierten Wanderwege der gesamten Dolomiten. Zu Recht: Das landschaftliche Highlight der Tour ist die Marmolada im Süden. Als genussreiche Panoramatour führt der Bindelweg entlang der Südflanken der Padongruppe zum Lago di Fedaia, zwischen der Königin Marmolada, und der Sellagruppe mit ihren markanten Türmen. Früher diente der Bindelweg als Handelsweg zwischen dem Val di Fassa und dem Cordoveletal entlang der Padon-Wiesen, heute bedient er rein freizeitliche Interessen. Ausgangspunkt der Wanderung ist die Bergstation Belvedere am Col de Ross, die man mit der Seilbahn ab Canazei erreicht. Dem Fahrweg folgend gelangt man zum Rifugio Belvedere (2.338 m) und kurze Zeit später zum Rifugio Fredarola (2.388 m). Ab hier beginnt der eigentliche Bindelweg (Nr. 601) quer durch die grasigen Südflanken des Col del Cuc nach Osten, sanft aufwärts zum Rifugio Vièl del Pan (2.436 m). Auf einem schmalen Weg, zunächst auf einer nahezu gleichbleibenden Höhe, fällt die Tour anschließend in steilen Kehren zum Lago di Fedaia (2.054 m) ab. Busse fahren zurück zum Ausgangspunkt nach Canazei.

VAJOLETTÜRME
Länge: 9 km, Dauer: 4 Std., 470 Hm bergauf, 470 Hm bergab

Wer vom Nigerpass in Richtung Hanicker Schwaige wandert, genießt mit den Vajolettürmen ein Bergpanorama der Extraklasse: Die sechs scharf gezackten Felstürme sind wohl das bizarrste Felsgebilde der Dolomiten, und locken Kletterer aus dem gesamten Alpenraum an. Die Wanderung durchs Tierser Tal, am Westhang der berühmten Rosengartengruppe, ist eine der beliebtesten in den Dolomiten, mit den Vajolettürmen als landschaftliche Hauptattraktion. Unter Kletterern sind die leichten bis mittelschweren Routen an den sechs Orgelpfeifen heiß begehrt. Die Tour beginnt am Nigerpass auf einer Forststraße (Weg Nr. 1 und 7) durch dichten Wald Richtung Südosten. Ein steiler Pfad führt zu einer Wiese direkt unter den Rosengartenwänden. In Serpentinen gewinnt man recht schnell an Höhe, danach führt die Wanderung durch lichten Wald in einem stetigen Auf und Ab zur Schulter der Angelwiesen mit Aussichten auf Brenta, Adamello, Presanella, Ortler und die Ötztaler Alpen. Durch bewaldetes Terrain führt der Weg in das Purgametschtal und von dort aus über Wiesen nach Norden zur Hanicker Schwaige (1.904 m). Die Rückkehr zum Nigerpass erfolgt auf der gleichen Route.

PAOLINA-HÖHENWEG
Länge: 3,5 km, Dauer: 2 Std., 600 Hm bergab

Als kurze, eher gemütliche Tour für Genusswanderer bietet der Paolina-Höhenweg den maximalen Landschaftsgenuss: Attraktionen, wie Ausblicke in die überhängenden Wände der Rotwand, Blicke auf Latemar, Brenta, Adamello, Presanella, Ortler und die Ötztaler Alpen gestalten sie abwechslungsreich.
Die Wanderung beginnt mit einer Seilbahnfahrt: Der Sessellift »Laurin 2« beim Alpengasthof Frommer an der Nigerpasstraße, circa 30 Kilometer östlich von Bozen, führt zur Rosengartenhütte (auch: Kölner Hütte) auf
2.337 Meter Höhe. Neben einer Panoramaterrasse mit Ausblicken über den Naturpark Schlern-Rosengarten bis zur Brentagruppe sowie zum Ortler im Nationalpark Stilfser Joch im Westen bietet die Rosengartenhütte über 60 Schlafplätze und regionale Kost. Von der Hütte wandert man auf Weg Nr. 549 nach Süden zunächst abwärts, dann an begrünten Geröllhängen entlang zur Linksabzweigung des Hirzelweges (Nr. 549). Die Paolinahütte (2.125 m) verfügt über die höchstgelegene Panoramaterrasse im gesamten Rosengarten, am Fuße der Rotwand oberhalb des Karerpasses. Der Küchenchef verwöhnt seine Gäste vor allem mit Tiroler Speisen, die frisch direkt auf der Hütte zubereitet werden. Der Abstieg zum Karerpass erfolgt zunächst parallel mit dem Rosengarten-Sessellift in steilen Serpentinen über Wiesen nach Südwesten. Später geht es nach Südosten hinunter zu einem Fahrweg über Lärchenwiesen hinab zum Karerpass (1.758 m). Im Sommer verkehrt mehrmals täglich ein Bus zurück zum Gasthof Frommer.

>> Der Beitrag erschien im Magazin trekking, Ausgabe 03/2019, Verlag: MSV Medien Baden-Baden GmbH

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