Den Charme bewahrt: Unterwegs in der Region Fribourg

Der Schweizer Kanton Freiburg überzeugt vor allem durch seine Vielfalt: Im Westen spricht man Französisch, im Osten Deutsch. Geografisch beeindruckt das Drei-Seen-Land, an das sich die Freiburger Voralpen anschließen. Die Hauptstadt Fribourg liegt mittendrin.

Es gibt Orte, bei denen schon der Weg das Ziel ist, und die man deshalb am besten zu Fuß erkunden sollte. Die Schweizer Region Fribourg, zu Deutsch: Freiburg, gehört dazu. Knapp eine Woche sind wir unterwegs, um die schönsten Ecken der Region kennen zu lernen. Wir, das sind Wanderführer aus der Region und ich. Unser Plan für die nächsten Tage: Erleben, wie Milch zu Käse und Schokolade wird, Berge besteigen, Schluchten durchqueren, ein Schloss besichtigen und verschachtelte Altstädte erkunden. Geografisch entspricht die Region Fribourg dem Schweizer Kanton Freiburg. Wer hierher reist, findet in den Voralpen mit ihrer traditionsreichen Alpwirtschaft urtümliche Landschaften mit abwechslungsreichen Wanderwegen. Corinne, Mitarbeiterin beim Freiburger Tourismusverband, begrüßt mich am Schwarzsee. Er ist in die Freiburger Voralpen eingebettet. Rund um den See erheben sich der Schwyberg im Westen, die Felsgrate von Les Reccardets und die Spitzflue im Süden sowie die Kaiseregg Richtung Osten. Zwischen 1.628 und 2.185 Meter erheben sich die Berge rund um den See, wohingegen der Schwarzsee selbst nur etwa zehn Metertief ist und daher in den Wintermonaten gerne zum Schlittschuhlaufen genutzt wird. Wiesen und Wälder säumen das Seeufer. In den Höhen herrscht eine karge, alpin anmutende Szenerie mit einem über 200 Kilometer langen Wanderwegenetz.

»Einer Legende nach heißt er Schwarzsee, weil sich der Riese Gargantua darin die Füße gewaschen hat und das Wasser seitdem verschmutzt ist«, erklärt Corinne auf dem »Häxewääg«, einem etwa zweistündigen Themenwanderweg, bei dem auf Infotafeln sieben Sagen und Märchen aus dem Schwarzsee-Senseland erzählt werden.

Wir wandern auf kiesigen Wegen, über sonnige Wiesen und Holzbrücken durch schattigen Mischwald. Dort, wo die Ankenhexe aus ihrem Verlies lugt, donnert der sogenannte Wasserfall von Schwarzsee in die Tiefe. Am Nordufer soll die Körpergröße eines Mönchs geschätzt werden, auf der gegenüberliegenden Seite sucht man in einem steinernen Brunnen nach einem Tier aus Beton. Zwar haben wir bereits nach vier von insgesamt acht Stationen das Lösungswort erraten – der »Häxewääg« ist ein Rätselweg für Kinder – die »Schwarze Kuh« und das »Goldloch« steuern wir trotzdem noch an. Gegen Mittag legt der Wind eine Pause ein. Die Seeoberfläche ist so glatt wie das Bettlaken in einem Luxushotel, auf der sich dicke Cumuluswolken spiegeln. »Schon seit 200 Jahren wird das schwefelhaltige Wasser des Sees zum Heilbaden genutzt«, erklärt Corinne. Schwimmsachen habe ich vorsichtshalber eingepackt, allerdings stagniert das Thermometer bei lauschigen zehn Grad – wir bleiben beim Wandern.

Nach dem Rundgang um den See, auf nahezu flachen Wegen, lockt uns die Bergwelt in ihre Höhen. Ein schmaler, steiniger Pfad windet sich durch Almwiesen hinauf zur Alp Hubel Rippa. Wir bestellen Cappuccino auf der Terrasse, lassen uns Bergluft um die Nasen wehen und genießen die Tiefblicke auf den See. »Vom Schwarzsee führt eine weitere,rund vierstündige Tour durch den Breccaschlund auf den Euschelspass«, erklärt Corinne. »Beim Abstieg in den Ort Jaun hat man tolle Blicke übers Greyerzerland und die Burgruine Bellegarde«, schwärmt sie.

AUS ALTEN ZEITEN

Am nächsten Morgen stehe ich mit Guillaume Schneuwly vom örtlichen Tourismusverband in einer Szenerie wie aus längst vergangenen Zeiten: In der Alpkäserei von Yvan Brodard in Cerniat, kleiner als ein Klassenzimmer, lodert ein offenes Feuer. Darüber schwebt an einer Kette ein Kupferkessel voller Milch, der so groß ist, dass wir problemlos zu dritt darin baden könnten. Dampf steigt aus dem Kessel zur Decke auf und vermischt sich mit dem Holzrauch, der in der Nase beißt.

Yvan öffnet eine quietschende Holztür. Ich schaue hindurch und blicke in die schwarzen Augen einer Kuh – der Stall grenzt direkt an die Käserei. »Bei Hartkäse wie dem Gruyère kommen Milchsäurebakterien in die Milch, anschließend Lab. Dadurch dickt die Milch ein«, erklärt Yvan. Mit einer Käseharfe fährt er durch sie hindurch, um die Abtrennung der Molke zu fördern. Yvan taucht seine Arme bis zu den Ellbogen in die Dickmilch. Zusammen mit einem zweiten Senner, dessen zerfurchte Hände von jahrzehntelanger körperlicher Arbeit zeugen, holt er den Käsebruch mit einem Tuch aus dem Kessel, der anschließend in eine runde Form gepresst wird. Drei Käse, so groß wie Autoreifen, werden hier oben tagtäglich in Handarbeit produziert, und zwar seit 1925.
»Die Schweine hinterm Haus bekommen die Molke«, erklärt Yvan. Die Käseherstellung im Kanton Freiburg ist traditionsreich, bis ins Jahr 1115 reicht sie zurück. Ihr goldenes Zeitalter erreichte die Gruyère-Käseindustrie im 18. Jahrhundert. Etwa 170 Tonnen Gruyère d’alpage AOP werden pro Jahr im Kanton Freiburg produziert. Wir setzen uns auf eine Bank im Nebenraum. Familienbilder zieren die hölzernen Wände. Die Kühe, die in den Morgenstunden im Stall gemolken werden, laufen nun auf der Weide vor dem Fenster umher.

Yvan nimmt einen handgeschnitzten Löffel von der Wand. In einem hölzernen Behälter serviert er Greyerzer Doppelrahm (frz. Crème Double), ein rahmiges Sahneerzeugnis, das gerne zur Verfeinerung von Suppen, Saucen oder zur Dessert-Spezialität Meringues serviert wird.

Meine Aufmerksamkeit gilt eher dem beiliegenden Esslöffel als der Speise selbst. Die hölzerne Laffe, der Schöpfteil des Löffels, ist breiter als mein Unterkiefer, den Stiel ziert eine Almhütte. Die sogenannten Holzrahmlöffel gehören zu den Traditionen der Region La Gruyère. Schon Ende des 17. Jahrhunderts fertigten die Senner sie an, um damit Greyerzer Doppelrahm
oder Chaletsuppe zu löffeln. Wie Familiensilber wurden die aufwendig gearbeiteten Löffel weitervererbt. Flüssigen Käse gibt es auch am nächsten Tag auf dem Gipfel des Moléson, dem markantesten, da freistehenden Aussichtsberg der Freiburger Voralpen, und zwar als Fondue.

Wer sich den 2.002 Meter hohen Moléson erarbeiten möchte, startet am besten im Örtchen Moléson-Village. Ein circa fünfstündiger Rundwanderweg führt auf einer Länge von zwölf Kilometern durch das Tal »des Clés« in die Schlucht von Bonnefontaine. Der Moléson, der als grauer Felskoloss wie ein gigantischer Backenzahn aussieht, bietet von oben einen Rundumblick auf das Zentralmassiv der Alpen, den Montblanc, das Walliser- und das Berner Hochgebirge, den Genfer- und den Neuenburgersee. Zusammen mit dem südwestlich gelegenenTeysachaux (1.909 m) bildet er einen imposanten Gebirgsstock, der nach Norden und Osten steil abfällt. »Malmkalk bildet sein Fundament«, steht in meinem Wanderführer. Ich denke an mein Geographiestudium zurück. Als so genannter Synklinalberg ist der Moléson ein Rest einer ehemaligen Faltenmulde der präalpinen Decken, die auf allen Seiten erodiert wurde. Wer sich den Aufstieg zum Gipfel sparen möchte, steigt im Örtchen Moléson-Village in eine Standseilbahn, die auf der Höhe von PlanFrancey an einer Gondelstation endet. Hobbyastronomen freuen sich über die vier Teleskope, die vom Gipfelrestaurant bei klarer Sicht hervorragende Aussichten über das Umland bieten.

Beim Abstieg knirscht Kies unter unseren Sohlen. Zwei drahtige Paragliderinnen breiten ihre knallroten Gleitschirme auf sattgrünen Wiesen aus, die in sanftwelligen Flanken in eine ausufernde Talebene abflachen. Obwohl Fliegen die Knie schont, und mein linkes etwas knirscht, bevorzuge ich im Gegensatz zu den beiden den befestigten Weg Richtung Tal. Vor einer weiß getünchten Kapelle plätschert ein Brunnen vor sich hin. Wir füllen unsere Flaschen auf, atmen bewusst die kühle Bergluft ein und genießen die fast schon meditative Stille. Leuchtend blauer Enzian bildet einen fotogenen Kontrast zum Forstgrün der Almwiesen, dazwischen erstrahlt das Weiß der Krokusse. Als wir wieder am Ausgangspunkt, in Moléson-sur-Gruyères eintreffen, fragt mich ein Busfahrer, ob ich gerne über frei scwingende Seile balanciere. »Slacklinen macht mir Spaß, falls Sie das meinen«, antworte ich, woraufhin er mir rät, im September zum Highline-Festival erneut zum Gipfel des Moléson aufzusteigen. Fünf Bänder, breit wie Unterarme, und zwischen 45 und 477 Meter lang, werden vom Gipfel des Moléson in diverse Richtungen gespannt, auf denen Athleten aus ganz Europa ihre Balancierkünste demonstrieren.

ZUM GRAFENSCHLOSS GREYERZ

Knapp zehn Kilometer weiter nördlich thront auf einem Hügel über dem mittelalterlichen Städtchen Gruyères das Grafenschloss Greyerz über der Ebene des Flusses Saane. Ausgehend vom Örtchen Neirivue führt eine etwa dreistündige Tour zum Schloss, das mit seinem Schutzwall, den Türmen und verwinkelten Gemäuern wie der Prototyp eines Playmobilbausatzes anmutet und heute ein Museum beherbergt. Romantische Innenmalereien zeugen von Malern wie Camille Corot und Barthélémy Menn.

Das im 13. Jahrhundert erbaute Schloss Greyerz war Sitz einer langen Reihe von Grafen, bis es 1554 als bankrott erklärt wurde und die beiden Städte Fribourg und Bern den Grundbesitz aufteilten. Nach wechselnden Besitzern kaufte es 1938 der Staat Freiburg auf und gründete darin das heutige Museum. Die Häuser des Ortes wärmen ihre mittelalterlichen Fassaden in der Mittagssonne. Gleich dahinter erheben sich die steilen Flanken des Dent du Chamois, und Richtung Süden klotzt der Moléson mit seinem schroffen Haupt in eine sattgrüne Almlandschaft.

IN WILDE SCHLUCHTEN

Wir haben einen See umrundet, einen Berg bestiegen, kulturelle Highlights entdeckt. Der folgende Tag steht im Zeichen eines Canyons: Der Jaunbach fließt vom Stausee Lac de Montsalvens durch seine gleichnamige Schlucht Richtung Broc. Wir spazieren über Holzbrücken, tauchen in düstere Felstunnel ab, in denen Wasser von der Decke tropft, blicken in die steil aufragende Kalkschlucht. Irgendwann suche ich mir den schönsten Felsen im Flussbett aus, kühle meine Füße im Wasser des Bachs.

»Fast wie im Familienurlaub vor zwanzig Jahren an der südfranzösischen Ardèche«, schießt es mir durch den Kopf, bis ich denke, dass die Landschaften in der Region Fribourg mit ihren kargen Hochebenen, den schneebedeckten Gipfeln, lieblichen Almwiesen und imposanten Schluchten viel abwechslungsreicher sind. Was man neben Käse noch aus Milch produzieren kann, erfahren wir nachmittags in der Traditionsfirma Cailler. Im Besucherzentrum entführt sie ihre Gäste in die Welt der Schokolade und lädt anschließend zur Verkostung ein.

ZÄHRINGERSTADT FRIBOURG

»Man soll gehen, wenn es am schönsten ist«, besagt ein altes Sprichwort. Dass die Stadt Fribourg mehr wert ist als ein kurzer Zwischenstopp auf dem Weg nach Hause, erfahre ich bei einem Rundgang. Um einen Felssporn mit der Altstadt mäandriert die Saane an beigem Sandstein entlang. Über einem scheinbar willkürlich angeordneten Labyrinth von mittelalterlichen Gassen thront die St.-Nikolaus-Kathedrale, deren Turm an eine Krone erinnert, da die Spitze fehlt. Um 1180 gründeten die Zähringer Herzöge Fribourg, die erste Stadt auf heutigem Schweizer Boden. Es geht Treppen rauf und runter, vorbei an belebten Cafés, Bars und Museen.

»Wer hier lebt, braucht kein Fitnessstudio«, sagt Corinne, die in Fribourg wohnt und mich an meinem letzten Tag noch einmal begleitet. »Eine dreistündige Rundwanderung führt von Fribourg über die Berner Brücke ins Galterntal«, sagt sie. Leider fehlt uns dafür die Zeit. Ich setze die Wanderung auf meine To-do-Liste für nächstes Mal. Als ich am Bahnhof stehe und mein Zug einrollt, empfinde ich fast ein wenig Wehmut. Meine Heimat im Schwarzwald kann mit den voralpinen Gipfeln, Almen und Bergseen nicht mithalten. Doch immerhin ruft mein Wohnort anschließend täglich Erinnerungen hervor: Ich lebe in Freiburg im Breisgau.

>> Der Artikel erschien im Magazin Trekking, Ausgabe 06/2019. Verlag MSV Medien Baden-Baden GmbH.

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