Schwer am Ringen – auf den Spuren der Chachapoya

Wie auf hoher See schaukeln meine vier Kolleginnen und ich nachts durch das Andenmeer von Chiclayo nach Chachapoyas. Unser blauer Bus schwankt in den Kurven von links nach rechts wie ein Uhrpendel, hin und wieder schwappt mir etwas Schwarztee aus meinem Becher über die Hose. Linda neigt sich über ihre weiße Plastiktüte, ein alter Mann in der Reihe neben mir nagt beharrlich an einem Hähnchenknochen. Wir sitzen im ersten Stock eines Doppeldeckers, dessen Windschutzscheibe ein beachtlicher Riss durchzieht. Vielleicht hat ihr die Lautstärke des gerade gezeigten Films geschadet, an Schlaf ist jedenfalls nicht zu denken. So nutze ich die Zeit, um die Erlebnisse der letzten Wochen Revue passieren zu lassen und meine frisch aufgespielte Musiksammlung zu hören. Hin und wieder reiche ich Linda ein Taschentuch. Die Arme, nach jeder etwas längeren Fahrt ist ihr schlecht.

Um sechs Uhr morgens stolpern wir taufrisch auf ein neues Pflaster: Chachapoyas. Die Straßen sind menschenleer, etwas Nebel hängt in den Tälern. Der entspannte, weiß getünchte Ort war durch holprige, teils unbefestigte Straßen lange Zeit von der Außenwelt isoliert. Heute hat sich die Hauptstadt der Region Amazonas von einer hübschen Kolonialsiedlung zur geschäftigen Marktstadt entwickelt. Ein idealer Ausgangspunkt für Ausflüge. Besonders freue ich mich auf die Festungsruine Kualap (nach meinem Chef Florian das Machu Picchu des Nordens) und Gocta, mit 771 Metern der vierthöchste Wasserfall der Welt.

Gocta Peru

Gerne würde ich mich beim Reisen etwas mehr treiben lassen, doch dafür fehlt uns gerade die Zeit. Uns bleiben nur drei Tage in Chachapoyas, ein Glück dass der Tag der deutschen Einheit diesmal auf einen Montag fällt, denn wir haben nach deutschen Feiertagen frei. Lange Straßenzüge durchziehen die Stadt. Schön, mal wieder in den Bergen zu sein. Letzte Nacht hatte es geregnet, das kommt in unserem Heimatdorf Pimentel nur etwas dreimal im Jahr vor. Hier ist es anders, das Gebirgsmassiv der Anden sorgt für ausreichend Niederschlag. Die Luft ist feucht, kleinere Berge um uns herum saftig grün.

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Mit unseren bunten Rucksäcken laufen wir durch das verschlafene Städtchen, die Leute nicken uns zu. Touristen gibt es wohl eher selten, der Norden Perus ist authentisch, weit genug entfernt von künstlich inszenierten Touristenbühnen. Beliebte Ausflugsziele bietet eher der Süden des Landes. Da ich sowieso nicht gerne Sehenswürdigkeiten auf Listen abhake, sondern mich über nette Menschen, eine intakte Natur und leckeres Essen freue, bin ich hier sicher gut aufgehoben.

Im Hostel wartet Frühstück auf uns. Etwas Toast mit Butter und Marmelade, ein wässriger Kaffee mit Sahne und Papayasaft. Erstaunlich, dass in Peru so viel Kaffee angebaut wird, aber Peruaner keinen trinken. Peruanischer Arabica-Kaffee hat einen Weltmarktanteil von ca. 60%, wahrscheinlich bleibt nicht viel im eigenen Land.

Nach dem letzten Bissen steigen wir in einen Kleinbus, der uns nach Kualap bringt. Es ist ein Toyota Hiace, das gleiche Modell, das mich im Jahr 2006 treu durch Neuseeland begleitete. In der peruanischen Version wurden Sitzbänke für bis zu zwanzig Personen montiert. Der Fahrer wechselt an einer Tankstelle gemütlich einen Hinterreifen, dann verlassen wir die Stadt. Über Schotterstraßen holpern wir über die Berge. Es ist schön, die Wüstenregion an der Küste rund um Chiclayo für ein paar Tage zu verlassen und nach langer Zeit mal wieder Bäume und grasbewachsene Hänge zu sehen.

Gocta Peru

Gigantische Felsen aus Konglomeratgestein säumen eine von zahlreichen Höhlen durchsetzte Hangkante. Unser Fahrer trägt einen Lederhut, an seinem Mittelspiegel baumeln die Reißzähne seines verstorbenen Hundes Peddy. Im Tal rauscht ein Fluss, das Wasser aus meinem Trinkbeutel schmeckt nach Plastik. Plastiktüten liegen überall in Peru am Wegesrand herum. Jeder Einkauf wird in Tüten verstaut, der Straßenrand dient als Mülldeponie. Letzte Woche habe ich mit Daniel die Reportage Plastic Planet angeschaut. Eine Tüte braucht etwa 300 Jahre um zu verrotten. Ihre genaue chemische Zusammensetzung ist unbekannt, sicher ist hingegen ihre schädliche Wirkung auf den menschlichen Körper und das Ökosystem. Im Atlantik schwimmt eine Insel aus Plastikpartikeln, so groß wie Mitteleuropa. Ein unaufhaltsames Drama.

Berge ziehen an uns vorbei. Die Luft wird dünn, Kuelap liegt auf ca. 3100 Metern. Es ist eisig oder vielleicht ist nur mir so kalt, weil ich letzte Nacht im Bus kaum geschlafen habe. Wir stehen in einer der berühmtesten und imposantesten präkolumbischen Ruinen ganz Südamerikas. Die monumentale, steinbewehrte Zitadelle thront auf einem zerklüfteten Kalksteinberg und bietet eine Rundumsicht auf das einst von den Chachapoyas bewohnte Land. Viel übriggeblieben ist zwar nicht, doch man kann sich genau vorstellen, wie es zwischen 500 und 1493 n.Chr. hier aussah: Ein Dorf aus kreisrunden Häusern, umgeben von einer Festungsanlage. Wir betreten sie durch eines von drei tiefen, schmalen Toren, zu deren Anzahl zwei Theorien bestehen:  Entweder sollten angreifende Truppen gespalten werden oder Erdbeben, Erosionen, Regen und bröckelnder Mörtel sorgten dafür, dass die Mauern nicht mehr an ihrem ursprünglichen Standort stehen.

Eine unterirdische Kammer birgt die Überreste geopferter Tiere. Wir freuen uns über die lebendigen Lamas neben uns und den Kolibri im moosbewachsenen Baum. Ich esse ein paar geröstete Maiskörner, es nieselt leise vor sich hin. Wir setzen uns an die Kante eines Berges. Jedes Dorf an den steilen Hängen vor uns ist von einem Kranz aus kleinen Feldern umgeben. Wie Flickenteppiche leuchten sie in verschiedenen Farben. Auf der Hinfahrt winkten uns barfüßige Kinder mit verstrubbeten schwarzen Haaren zu, Schweine und Hühner laufen durch die Dörfer. Huhn landet später auf unserem Teller, wie häufig mit Reis serviert. Zur Vorspeise gibt es Maiskörner mit Aji, einer Chilisoße.

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Ich schlafe fast am Esstisch ein, doch der Schlaf bleibt mir auch diese Nacht verwehrt: Linda lernt abends in Chachapoyas den Sohn des Hostelbesitzers kennen. Er hat am darauf folgenden Tag Geburtstag. Wir landen in der großartigen Bar La Reina, benebeln uns mit amazonischem Fruchtlikör und Bier, ein Burger saugt den Alkohol wieder auf.

Buenas noches!

Gocta Peru

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